Spezialisten Karriere als Fachexperte

Michael Sudahl, 14.04.2012 14:18 Uhr

Fridingen - An 100 Tagen im Jahr lebt Hubert Karl aus dem Koffer. Dann pendelt er zwischen Brasilien, Mexiko und Fridingen an der Donau hin und her. Als Verkaufsleiter des Spritzguss-Maschinenbauers Desma ist er in der Firma der Experte für Lateinamerika schlechthin. Kein Angebot wird ohne ihn geschrieben, keine Maschine verlässt ohne das Wissen des gelernten Werkzeugmachers das Werk. Diesen Status hat sich der 44-Jährige, der fließend Schwäbisch und Spanisch spricht, hart erarbeitet. Als junger Ingenieur sammelte er drei Jahre lang in Mexiko Erfahrungen in einer Druckgießerei. Heute betreut er ein Umsatzvolumen von bis zu sechs Millionen Euro pro Jahr. Sein Wissen über Land, Leute, Verhandlungskniffe oder Einfuhrbestimmungen ist bei den Kollegen gefragt, die von Deutschland aus für diese Region arbeiten. Karl weiß, wie ein Argentinier tickt oder warum in Brasilien die Uhren etwas anders laufen als in Europa. Innerhalb des Unternehmens gilt er als kleiner Guru. Auch, weil er nach der Lehre als Monteur bei Desma komplexe Anlagen in aller Welt aufbaute und bis heute auf dieses technisch-praktische Basiswissen zurückgreifen kann. Hubert Karl kennt jede Schraube, jede Einstellung an den Maschinen. Eins unterscheidet ihn jedoch von anderen Führungskräften in der Firma. Er hat keine Mitarbeiter. Stattdessen ist er die Karriereleiter als Fachexperte hinaufgeklettert.

„Mittlerweile gibt es immer mehr Beschäftigte, die als Spezialisten Karriere machen”, hat Stefan Janssen beobachtet. Der Europa-Chef des E-Learning-Anbieters Skillsoft entwickelt für Firmen Fortbildungskonzepte. „Neben dem klassischen, hierarchischen Aufstieg und der dazugehörigen Personalverantwortung bilden Unternehmen heute gezielt Fachexperten aus”, verdeutlicht Janssen. Der Hintergrund dafür ist einleuchtend: Weil sich Technologien rasant entwickeln und selbst Mittelständler wie Desma mit gerade einmal 440 Mitarbeitern inzwischen weltweit präsent sein müssen, suchen sie Leute, die über eine ausgewiesene Expertise verfügen. Oder sie stellen ihre Fortbildungsprogramme so zusammen, dass aus Fachkräften Fachexperten werden können. Bei Karl etwa hat sich das Spezialwissen über 20 Jahre hinweg angesammelt. Teils durch das Leben und Arbeiten in den Ländern vor Ort, teils durch Schulungen etwa in Psychologie oder durch interkulturelles Training.

Auf Titel und Bezahlungen achten

Buchautor Tomas Bohinc beschreibt in seinem Praxisratgeber „Karriere machen, ohne Chef zu sein” die einzelnen Stufen vertikaler Karrieren. Als Tipp gibt er künftigen Experten mit auf den Weg, neben einem Titel wie Consulter oder Senior-Berater auf die adäquate Bezahlung zu achten. Zwar steige mit dem Expertenstatus das Ansehen und der soziale Status innerhalb des Unternehmens, doch weil die Höhe des Gehalts in vielen Firmen unter die Schweigepflicht fällt, sollten die angehenden Spezialisten hier das Verhandeln nicht vergessen. Ein Beispiel, wie Schlüsselexperten in einem Konzern benannt werden, liefert Siemens Corporate Technology. Auf vier Levels fördert das Halbleiterunternehmen Karrieren als Fachexperten. Die Spezialisten steigen vom Senior zum Principal, Senior Principal und schließlich zum Chief auf.

Auch Norbert Damm gilt beim Schwarzwälder Maschinenbauer Robert Bürkle als Koryphäe. Allerdings ohne Titel. Sein Chef Hans-Joachim Bender holte Damm vor zwölf Jahren nach Freudenstadt. Er kannte ihn aus seiner Zeit als Geschäftsführer bei einem Hersteller von Gießerei-Maschinen in Durlach, wo Damm ein Vierteljahrhundert lang Sonderaufgaben in Forschung und Entwicklung übernommen hatte. „Wir suchten einen erfahrenen Querdenker, der unser Knowhow beim Pressen, Beschichten und Laminieren von Holzwerkstoffen und Elektronikteilen in andere Branchen transferiert”, erzählt Bender. Damm erfüllt diese Kriterien. Sein erster Auftrag: einen Warmluftofen entwickeln, der frisch beschichtete Leiterplatten gleichmäßig trocknet. Ein paar Jahre später plant Bürkle, in die Solarindustrie einzusteigen. Damms Job ist es, einen Fertigungsprozess zu entwickeln, der aus Glas, Solarzelle und Folie Sonnenmodule, wie sie etwa auf Hausdächern zu finden sind, laminiert. Heute zählt Bürkle zu den Marktführern für Maschinen, die Solarmodule auf Mehretagen-Laminatoren herstellen, und liefert von Amerika bis Asien.

Wissen und Erfahrungen weitergeben

Ein Entwicklerteam hat der gelernte Werkzeugmacher Damm dafür nicht zur Verfügung. „Je nach Branche arbeiten mir Kollegen aus den Fachabteilungen zu”, beschreibt Damm seinen Job in seinem 1000 Quadratmeter großen, verglasten Labor direkt hinter der Werkshalle. Hier tüftelt er an Maschinen, telefoniert mit Fraunhofer-Forschern oder diskutiert mit Lieferanten über alternative Materialien und deren physikalische Eigenschaften. „Eine Standardfortbildung für mich gibt es nicht”, sagt Damm auf die Frage, woher er sein Wissen hat. „Recherchieren und ausprobieren” ist seine Antwort. Wichtig seien eine gute Kommunikation, das Reden mit Kollegen und ein intaktes Netzwerk innerhalb der Branche und in die Wissenschaft hinein.

Was mit seinem Wissen passiert, wenn er in Rente geht, macht dem umtriebigen Ingenieur etwas Sorge. Einen direkten Nachfolger zu finden ist schwierig, vielmehr vermittelte er seine Erfahrung an mehrere junge Kollegen, mit denen er in Projekten zusammenarbeitet. „Diese Situation haben viele Unternehmen, wenn Fachexperten ausscheiden”, bestätigt Janssen und erklärt, wie schmal der Grat ist: je mehr Spezialisten eine Firma beschäftigt, umso stärker könne sie sich vom Wettbewerb abgrenzen. Problematisch werde es, wenn „diese Leute in Rente gehen”, so der Lernexperte. Dann gehe deren Knowhow oft mit. Helfen könne ein Wissenswiki. Ähnlich wie bei Facebook & Co. würden mittlerweile die Spezialisten in firmeninternen Online-Netzwerken Profile erstellen, in denen sie einerseits als Experten befragt werden können, „andererseits ihr Wissen posten und verlinken”, wie Janssen weiß.

 
 
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