Von Bettina Bausch

Simmozheim. Draußen war es bitterkalt, die Wiesen waren schneebedeckt und weiße Schneekristalle glänzten an den Bäumen. Doch im Simmozheimer "Pulverfässle" brannte der Holzofen und es war mollig warm. Das zauberhafte Ambiente stimmte, als Pfarrer Manfred Mergel zum zehnten Mal seine vorweihnachtliche Lesung begann.

Vielleicht hatten einige Besucher auf mundartliche Weihnachtsgeschichten gewartet und waren zunächst überrascht, als in bestem Hoch- deutsch vorgelesen wurde. Aber schnell hatte Mergel mit seinen Geschichten und Gedichten sie in seinen Bann gezogen. Die Inhalte der Texte waren so vielfältig wie das menschliche Leben.

In einer Erzählung ging es zum Beispiel um ein Zerwürfnis in einer jungen Ehe. Der Mann hatte seine Frau belogen, sie bestrafte ihn schon seit Wochen, indem sie nicht mehr mit ihm redete. Doch am Heiligen Abend, als der Mann sehr spät und ohne Ge- schenke heimkommt, antwortet die schon halb schlafende Frau erstmals mit einem knappen "Nein" oder "Ja". Das Eis ist gebrochen und der Mann erlebt ein tiefes Weihnachtsglück.

Eine andere Geschichte eines unbekannten Verfasser nahm das Misstrauen in die vorgefertigten Meinungen der Menschen aufs Korn. Ein Mann, der keine Kinder in seiner Nähe hatte, möchte sich einen lange gehegten Wunsch erfüllen und einmal Weihnachtsmann sein. Mit einem gut gefüllten Sack betritt er ein fremdes Haus, in dem Familien mit vielen Kindern leben. Die Kleinen freuen sich arglos über die Geschenke, doch die Erwachsenen sind argwöhnisch und vermuten Böses, als sie den unbekannten Weihnachtsmann nicht identifizieren können. Schließlich erlebt der gespielte Nikolaus noch persönliches Weihnachtsglück, indem er in dem Haus eine sympathische Freundin kennenlernt.

Dann zeigte Mergel anhand verschiedener Gedichte, wie unterschiedlich Menschen Weihnachten erleben. Aus einem amerikanischen Gedicht, das von Erich Kästner ins Deutsche übersetzt wurde, erfuhren die Hörer, wie Santa Claus im Rentierschlitten kommt, durch den Kamin einsteigt und die Menschen reich beschenkt.

Im Gedicht "In Weihnachtszeiten" beschreibt der Calwer Dichter Hermann Hesse, dass er an Weihnachten gerne dem Trubel fern bleibt "und irgendwo im Wald für eine Stunde der Kindheit Duft erfühle, tief im Sinn und wieder Knabe bin".

Selbst Wilhelm Busch konnte besinnlich sein und bekennt im Gedicht "Der Stern", "dass den nüchternsten Menschen an Weihnachten ein freundlicher Strahl des Wundersterns von dazumal" trifft. Ernst von Wildenbruch schildert schließlich sein Weihnachtserlebnis mit den Worten: "Bezwungen ist die große Nacht, zum Leben ist die Lieb erwacht".

Anlässlich seiner zehnten Weihnachtslesung hatte der Simmozheimer Geistliche für jeden Besucher ein Tütchen mit Süßigkeiten und ein selbst verfasstes Rezept mitgebracht, in dem er auf gut schwäbisch vorschlägt, auf welche Art Vorkehrungen getroffen werden sollten, damit ein gelungener Adventsabend stattfinden kann.