Simmozheim Die Bibel gehört zum Fluchtgepäck

Schwarzwälder-Bote, 20.04.2012 04:30 Uhr

Simmozheim. Im Rahmen der Eröffnung des Hugenotten- und Waldenserpfads am Samstag bietet Simmozheim nachmittags ein kurzweiliges Programm bei der Wanderung sowie in der Dreifaltigkeitskirche an.

Mit Übernahme der Wandergruppe am Waldenserstein erleben die Gäste und Wanderer einen historischen Rückblick auf die Zeit um das Jahr 1700. Bei diesen Beiträgen handelt es sich um wahre Geschichten. Abschluss des gesamten Tagesprogramms ist ein gemeinsames Abendessen in Simmozheim (siehe "Stichwort").

Die Wanderung vom Waldenserstein über den Hirsauer Weg zur Kirche in Simmozheim war auch damals schon die kürzeste Verbindung von Simmozheim zur Kolonie. Erzählungen zu den Grenzstreitigkeiten zwischen Waldensern und Einheimischen bezüglich des Waidgangs und zu historischen Plätzen in der Steig sind Schwerpunkt der Wanderung.

Die Steig in Simmozheim war damals der erste Siedlungsort der Waldenser, die dann später Neuhengstett gegründet haben. Eine Bibel der Familie Beck wird in der Simmozheimer Dreifaltigkeitskirche ausgestellt. Bei diesem Buch handelt es sich um die älteste private Hugenottenbibel in Nordhessen. Sie stammt aus dem Jahr 1567 und enthält viele handschriftliche Eintragungen über den Stammbaum der Familie Beck. Außerdem ist das 1. Buch Mose von Hand geschrieben. Chaffré Beck hatte diese Bibel im Fluchtgepäck.

Einfach ankommen, lautete das Ziel von Chaffré Beck. Ein Großteil seiner Familie hatte die französischen Alpentäler bereits vor einigen Jahren verlassen. Einfach dort ankommen, wo auch die anderen Glaubensbrüder leben, war sein Ziel. Die Ereignisse und die Stationen der Flucht von Chaffré Beck und seiner Schwester Marie sind Inhalt der Erzählung in der Simmozheimer Kirche. Basis sind Auszüge aus der Familienbibel, Aufzeichnungen in den Gemeindebüchern und eine Erzählung in Form eines Tagesbuchs von Johannes Melsen mit dem Thema "Einmal Einfach".

In den Jahren 1698 und 1699 wurde auf Drängen und Bitten Englands sowie der Niederlande mit dem württembergischen Landesvater Herzog Eberhard Ludwig vereinbart, rund 3000 Waldenser als Glaubensflüchtlinge in Württemberg aufzunehmen und anzusiedeln. Nachdem die zugewiesenen Plätze um Leonberg und Maulbronn nicht mehr ausreichten, wurden zusätzliche Ansiedlungsmöglichkeiten gesucht. Auf der ehemaligen Markung von Simmozheim und Hengstett wurde dann ein seit dem Dreißigjährigen Krieg brachliegendes Ödland (die heutige Gemarkung Neuhengstett) gefunden und ausgewiesen.

Ende August 1699 wurden in Simmozheim erste Familien einquartiert, um sie vor dem kommenden Winter zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt lebten – bedingt durch den Dreißigjährigen Krieg, Pest und durch Hungersnöte – nur noch weniger als 100 Personen in Simmozheim.

Im Jahr 1700 kamen weitere Flüchtlinge aus Villaret dazu, die eigentlich zuerst in Hessen aufgenommen werden sollten. Da es bei der Einquartierung immer wieder zu Problemen mit den ortsansässigen Familien kam, weil keiner die Flüchtlinge aufnehmen und beherbergen wollte, musste der Herzog eingreifen. 1702 gab er seinen einheimischen deutschen Untertanen den Befehl, die Waldenser so lange aufzunehmen und ihnen Unterkunft zu bieten, bis diese ihre Holzbaracken oder Notunterkünfte fertig gestellt hätten.

Da in Simmozheim mit 27 der 59 Glaubensflüchtlingsfamilien (andere Orte waren Hengstett, Ottenbronn und Möttlingen) der größte Teil untergebracht war und auch der größte Teil der neuen Ansiedlung auf Simmozheimer Gemarkung lag, bekam die Kolonie am 1. September 1700 die Bezeichnung "Kolonie von Simmozheim". Ab Mitte 1716 wurde die Siedlung dann offiziell Neuheng­stett genannt und aus Heng­stett, dem Nachbarort, wurde dann Althengstett.

Folgendes Programm ist am Samstag in Simmozheim zur Eröffnung des Hugenotten- und Waldenserpfads geplant: Aus Richtung Neuhengstett treffen die Wanderer gegen 16.30 Uhr ein. In der Dreifaltigkeitskirche finden gleich im Anschluss Lesungen mit Musik und die Familienbibelausstellung statt. Das Abschlussessen ist ab 18 Uhr im "Mönchswasen" geplant.

 
 
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