
Von Manfred Köncke
Simmersfeld. Schwein tötet seinen Schlachter – Strom und Wärme aus Spätzle und Soße – Staat schröpft die kleinen Leute – Zivis werden den Wacholderheiden fehlen: Kabarettist Mike Jörg aus Weingarten hat in den vergangenen zwölf Monaten viele Gazetten durchforstet, entdeckte traurige und lustige, erschütternde und amüsante Dinge, fabrizierte daraus einen satirischen Jahresrückblick und ließ die Zuhörer im voll besetzten Simmersfelder Festspielhaus an seiner Spurensuche teilhaben. Zum Schluss landeten alle Zeitungsausschnitte in der Tonne und zurück blieben für ihn Fragen: Ist etwas von dem was war, im Gedächtnis haften geblieben? Und war das, was war, immer wahr?
Es gab viele Schlagzeilen und Artikel im politischen Teil und auf den Boulevardseiten der Welt, FAZ, Süddeutschen und im Schwabo, die den 62-Jährigen magisch anzogen; sie pointiert und tiefgründig mit einem Anflug ins Philosophische zu kommentieren, macht Jörg offenbar von Jahr zu Jahr mehr Spaß. Mit Wortwitz und beißendem Spott zog er auch diesmal Staatsdiener genüsslich durch den Kakao ("Wulff redet viel, sagt aber nichts"), gab sie der Lächerlichkeit preis, wie den hormongesteuerten, inzwischen abgetretenen italienischen Staatspräsidenten Silvio Berlusconi und geißelte den amtierenden Gesundheitsminister Daniel Bahr als "Handpuppe der Pharmaindustrie". Das reinste Vergnügen bereitete ihm auch, den frisurtechnisch veränderten Karl Theodor von und zu Guttenberg vom Sockel zu stoßen.
Mit trockenem Humor glossierte der Oberschwabe zudem gesellschaftliche Absurditäten ( "Worüber der Papst lacht") und Aufgeregtheiten ("Eisbär Knut starb wahrscheinlich an Burnout"), schmunzelte über geistige Tiefflieger und entlarvte vermeintliche Sensationen als billige Effekthascherei. Jörg ist kein ausschließlich politischer Kabarettist – auch wenn ihm die FDP dazu im vergangenen Jahr genügend Stoff geliefert hätte. Dass zehn Jahre nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center in New York immer noch in unzähligen Sendungen die "Ästhetik des Schreckens" über den Bildschirm flimmert, Menschen sofort ins Auto springen und an einen Unfallort fahren, um mit dem Fotohandy Bilder zu schießen und mit Wollust ins Internet zu stellen ("Zehn Jahre Netz – was haben die Menschen eigentlich vorher gemacht?"), dass über 20 Prozent der Klamotten nur einmal getragen und dann weggeworfen werden – all das hat Jörg mit Kopfschütteln registriert.
Da wendet er sich lieber den Tieren zu, selbst wenn in einer Zeitung steht: "Dachs lief lebensmüde vor ein Auto", und die Weihnachtsgans dran glauben müsse, ob sie nun ans Christkind glaube oder nicht.
Zum Schluss seines satirischen Jahresrückblicks, den der Kabarettist diesmal einen "Rückblick auf ein satirisches Jahr" nannte, entführte der 62-Jährige die Zuhörer in eine Animalfarm und eine bürgerliche Ratiofarm und zog Vergleiche: "Hühner legen Eier am laufenden Band, Menschen produzieren Panzer und Schnellfeuergewehre am laufenden Band, die Weltmeere sind überfischt und die Welt ist übermenscht."
Gibt es einen Ausweg aus der Misere? Für Jörg – mit einer Maske vor dem Gesicht und dem Fernglas in der Hand – dann, "wenn wir begreifen, dass wir nicht im Kino sitzen und in keiner virtuellen Welt leben." Solange ein Demonstrant zum Mensch des Jahres 2011 gekürt wird, ist für ihn noch nicht alles verloren.