Silent Disco Psst! Hier wird getanzt
Andrea Jenewein, 29.06.2012 07:00 Uhr
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Stuttgart - Es gibt da diesen alten Witz. Einen Blondinenwitz. Und der geht so: „Arzt: ‚Nun schalten Sie doch endlich mal den Walkman aus und nehmen Sie die Kopfhörer ab!‘ Blondine: ‚Geht nicht, die sind lebensnotwendig!‘ Dem Arzt wird es zu bunt, er nimmt der Blondine die Kopfhörer ab. Die Blondine fängt an, wie ein Fisch nach Luft zu schnappen und blau anzulaufen. Dem Arzt wird es mulmig. Er setzt sich den Kopfhörer auf und hört: ,Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen . . .‘“
Gut, genug gelacht. Und ja, alles nur Klischees. Denn freilich sind unter den mehr als 35 Millionen Deutschen, die im Besitz eines tragbaren MP3-Players sind, auch Dunkel- und Rothaarige darunter. Und Männer. Jedenfalls gehören die Ohrdeckel mittlerweile zum Leben wie die Luft zum Atmen – zumindest aber wie bei den Frauen das Handtäschchen und bei den Herren die schalähnlichen Halstücher.
Über Funkkopfhörer kommt die Musik
Folgerichtig findet am heutigen Freitag im Keller Klub Stuttgarts erste Kopfhörerparty statt, auch Silent Disco oder Leise Disco genannt. Was das ist? Bei solch einer Party erhalten die Gäste Funkkopfhörer, über die sie die Musik hören. Zwei DJs legen gleichzeitig unterschiedliche Musikstile auf, ein Sendemodul überträgt die Musik auf die Kopfhörer. Gesteigert wird der Spaß dadurch, dass die Tänzer direkt am Kopfhörer sowohl die Lautstärke regeln als auch zwischen den Musikprogrammen umschalten können.
Es ist also zu befürchten – zumindest aber zu vermuten –, dass sich die Tanzenden nicht gerade rhythmussynchron bewegen. Bizarr, aber spaßig werden die Szenen für den kopfhörerlosen Beobachter sicher dann, wenn sich zu den unterschiedlichen Tanzvarianten auch noch unterschiedliche mitgesungene Refrains gesellen, die von den Kopfhörerträgern inbrünstig intoniert werden. Als Beobachter wird man wohl versucht sein zu sagen: „Psst! Hier wird getanzt.“
Albern? Nein: „Zwei Welten in einer. Party in Party sozusagen. Weniger Schall, mehr Raum. Zum Entfalten“, so schreibt der Veranstalter Keller Klub auf dem Handzettel, mit dem er seit Wochen für die Silent Disco wirbt.
Leise Disco ist nicht unbedingt kommunikationsfeindlich
Raum zum Entfalten – und zwar nicht zwingend nur im Alleingang oder vielmehr Alleintanz. Denn die Leise Disco ist nicht unbedingt kommunikationsfeindlich – zumal man auch in einer normalen Clubumgebung seine Stimme deutlich erheben – um nicht zu sagen schreien – muss, um sich zu verständigen. Bei einer Kopfhörerparty hingegen kann man einfach den Kopfhörer abnehmen oder die Lautlos-Taste drücken, um ein normales Gespräch zu führen – und kann gleich danach wieder in die Musik einzutauchen.
Die Idee ist nicht neu, obwohl der finnische Science-Fiction-Film „Ruusujen Aika (Time Of Roses)“, in dem erstmals eine Silent Disco gezeigt wird, im Jahr 2012 spielt. Gedreht wurde dieser allerdings schon im Jahr 1969. Seit langem weit verbreitet ist die Idee der Kopfhörerparty im indischen Bundesstaat Goa, wo man am Strand nur bis 22 Uhr laute Musik hören darf. Um länger feiern zu dürfen, griffen die Partypeople dort auf die Kopfhörer zurück. Auch in England und Australien sowie Spanien tanzt man gern und oft mit dem Kopfhörer auf den Ohren..
In Deutschland steht die Idee noch am Anfang, aber ihr wird eine gute Zukunft vorausgesagt. Das bestätigt auch Gerd Speer, der Geschäftsführer von Leise Disco, einer Firma, die das Zubehör für solche Partys verkauft und vermietet – jetzt auch an den Keller Klub. Seit der Gründung vor drei Jahren hat er weit über 200 Veranstalter mit der notwendigen Technik für eine Kopfhörerparty ausgestattet, die Nachfrage steige. Speer hat zwar durchaus Konkurrenz auf dem deutschen Markt, aber keine, die ihm Sorgen bereiten würde. „Anders als wir sind die meist aus dem Bereich Beschallungstechnik. Ich hingegen war früher selbst Musiker und habe zudem Veranstaltungen auf die Beine gestellt – wir haben uns allein auf die Kopfhörerpartys spezialisiert“, so Gerd Speer.
700 Kopfhörer im Keller Klub
Der Deckel-auf-die-Ohren-Einfall kam Speer bereits vor mehreren Jahren. „Ich wohne in Hamburg an der Reeperbahn. Dort haben sie damals für den Vorentscheid für den Eurovision Song Contest zwei einander gegenüber liegende Bühnen aufgestellt – natürlich konnten die so nicht bespielt werden“, erinnert sich Speer. Doch er dachte: „Jetzt bräuchten die Kopfhörer!“ Wieder ein paar Jahre später besuchte er seine erste Kopfhörerparty am anderen Ende der Republik: in München. Die Technik kam damals aus England, da es noch keine Firma in Deutschland gab. Speer gründete daraufhin seine Leise Disco.
Seitdem stattet er für im Schnitt drei Euro pro Kopfhörer nicht nur Clubs aus, sondern auch Theater, Festivals, Street-Dance-Veranstaltungen, Kinos und Hochzeitsgesellschaften.
Hochzeitsgesellschaften? „Ja, dadurch erspart man sich den miesen Sound in einer Halle mit einer schlechten Akustik und den Ärger, den die älteren Hochzeitsgäste machen, wenn die Discomusik zu laut ist. So ist jeder glücklich – die Jungen bei Hip-Hop, die Alten mit Oldies oder im Gespräch“, so Speer. Nun, solange es nicht so weit geht, dass das Brautpaar am Ende den Hochzeitswalzer mit Kopfhörern tanzt . . .
An den Keller Klub hat Speer 700 Kopfhörer vermietet. Die Lautstärke dieser ist auf 80 Dezibel begrenzt. Das ist der von Medizinern empfohlene Höchstwert. Zum Vergleich: Ist man in der Disco einen Meter von den Lautsprechern entfernt, bekommt man 100 Dezibel ab. Dennoch empfiehlt die Leise Disco den Tanzwütigen, regelmäßige Hörpausen einzulegen und nicht die ganze Zeit mit voller Dröhnung zu hören.
Wie ist das überhaupt: Ist Musik, die direkt ins Gehör fließt, intensiver? Oder ist es andersrum? Muss beim Tanzen der Boden auch durch die Bässe beben, müssen die Vibrationen in den Magen dringen? Ist es so, dass bei der Silent Disco die Musik nur durch den Kopf kommt?
Das kann man morgen Abend im Keller Klub selbst erleben. In Berlin gibt es übrigens seit geraumer Zeit im DDR-Retro-Club Naherholung Sternchen eine Partyreihe, bei der man in totaler Dunkelheit tanzt. Vielleicht ließen sich die beiden Konzepte ja verbinden . . .?
Jedenfalls heißt es nach einer ganzen durchtanzten Nacht, wenn man den Kopfhörer weglegt, sicherlich: „Einatmen, ausatmen, einatmen . . .“
Silent Disco, Keller Klub, Rotebühlplatz 4, 29. Juni, 23 Uhr, Eintritt: 7 Euro.




