Bönnigheim - Es müffelt, ja, aber wonach genau, findet die Nase nicht heraus, die am linken Glaskolben riecht. Rechts hingegen glaubt sie sich sofort in einer Sportumkleide nach dem Training. Sauer. Stechend. Modrig. Die Nase muss raus aus dem Olfaktometer, das den Schweißgeruch verströmt.

„Das ist unser Kunstschweiß auf einer Synthetikfaser“, sagt Dirk Höfer. Und ja, der Direktor des Hohensteiner Instituts für ­Hygiene und Biotechnologie im Textilforschungszentrum Bönnigheim freut sich über diesen Geruch.

Denn mit Hilfe des Kunstschweißes will er den echten Schweißgestank aus Sportklamotten, Hemden, aber auch Polstern im öffentlichen Nahverkehr verbannen. „Dazu muss man zum einen wissen, wie Schweiß überhaupt zusammengesetzt ist, und dann herausfinden, warum sich die Moleküle mit manchen Textilfasern lieber verbinden als mit anderen.“

Frischer Schweiß riecht neutral

Der Mensch hat zwei bis vier Millionen Schweißdrüsen, die über den ganzen ­Körper verteilt sind. Besonders viele davon sind an den Handflächen und Fußsohlen, in den Achselhöhlen und auf der Stirn. Die ­kleineren, sogenannten ekkrinen Drüsen ­produzieren Kühlungsschweiß, der nur aus Wasser und Salz besteht. Die größeren ­apokrinen Drüsen sitzen vor allem in der ­Leistengegend, rund um die Brustwarzen und unter den Achselhöhlen und entwickeln sich erst während der Pubertät. Sie schwitzen auch Fette, Proteine, Aminosäuren und Harnstoffe aus – und zwar vor ­allem bei Aufregung, Angst oder Stress.

Frischer Schweiß, der von Mensch zu Mensch ein wenig anders zusammengesetzt ist, riecht neutral. „Aber auf der Haut leben Bakterien, die Stoffe aus dem Schweiß ­fressen und dabei stinkende Abfallprodukte wie Buttersäure bilden“, erklärt Höfer. Auch diese Bakterienzusammensetzung ist nicht bei jedem Menschen gleich. Deswegen riecht männlicher Schweiß auch stärker als der von Frauen.

„Beim Kunstschweiß können wir diese Unterschiede ausschließen, denn wir haben im Labor eine Art Durchschnittsschweiß gemischt“, sagt Höfer. Am jeweiligen Träger eines Sportshirts kann es also nicht mehr liegen, dass der Geruch, der aus dem Olfaktometer dringt, sich so stark unterscheidet. Unter dem linken Kolben aber wurde die Schweißlösung auf Baumwolle aufgetragen, rechts auf eine Synthetikfaser – un die stinkt mehr. „Seit es immer mehr Sportbekleidung aus diesem Material gibt, fällt der Geruch beispielsweise im Fitnessstudio ja auch immer mehr Menschen auf“, sagt Höfer.

Nachdem er Bestandteile des Schweißes radioaktiv markiert hat, um ihr Verdunsten zu beobachten, kann er auch erklären, warum das so ist: Baumwollfasern können Feuchtigkeit und mit ihr die Schweißmoleküle besser binden als Kunstfasern. Diese dagegen geben die Feuchtigkeit schnell wieder an den Körper ab. Das kühlt angenehm, riecht aber auch mehr, weil sich mit dem Schweiß auch die Geruchsmoleküle lösen und in die Nase steigen. Oder aber sie dringen zusammen mit der Flüssigkeit oder auch einem Deo so tief in die Textilfasern ein, dass auch die Tenside und Enzyme im Waschmittel sie nicht mehr ganz herauslösen können.

„Das Ziel wäre jetzt, eine Textilfaser zu entwickeln, die Feuchtigkeit zwar abgeben kann, nicht aber die Geruchsmoleküle“, sagt Höfer. Denkbar wäre beispielsweise, dass die Faser das Molekül so spaltet, das es nicht mehr riecht.

Antibakterielle Textilien sind umstritten

Geruchsfrei und mit Frischegarantie ­wollen der Werbung nach auch sogenannte ­antibakteriellen Textilien wie Socken, Unterhosen oder Anzüge sein. Winzige Silberfäden werden seit einigen Jahren in den Stoff eingewebt. Sie geben ständig Silberionen ab, die wiederum die Vermehrung der geruchsbildenden Bakterien verhindern. „Hier werden die Bakterien bekämpft, nicht die Schweißmoleküle“, erklärt Höfer den Unterschied zu seinem neuen Ansatz.

Allerdings lösen die Silberionen die Bakterien nicht ganz auf. Die Reste aber könnten anderen Bakterien als Nahrung dienen. Außerdem warnen Kritiker davor, dass diese Nanopartikel von der Kleidung auf die Haut oder in den Körper gelangen­ können – mit noch unbekannten Auswirkungen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät deswegen dazu, auf solche Kleider zu verzichten – auch wenn das Umfeld dann schon mal die Nase rümpfen muss.

Nicht vergessen sollte man dabei jedoch, warum über den Schweiß überhaupt ­Duftstoffe ­ausgeschieden werden: Der Eigengeruch des Menschen spielt bei der Partnerwahl eine entscheidende Rolle. Man kann sich also ausgerechnet deswegen gut riechen, weil man stinkt.

 
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