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Schramberg 5000 Menschen kämpfen gegen Klinik-Schließung

Edgar Reutter, vom 15.03.2011 07:12 Uhr
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5000 Bürger aus dem Stadtgebiet und seinem Umland strömten gestern Abend zur Kundgebung auf den Schramberger Rathausplatz.  Foto: Wegner
5000 Bürger aus dem Stadtgebiet und seinem Umland strömten gestern Abend zur Kundgebung auf den Schramberger Rathausplatz. Foto: Wegner

Schramberg - Aus Verbitterung wächst Solidarität: 5000 Bürger der Raumschaft machten gestern Abend vor dem Rathaus deutlich, dass sie sich von der Rottweiler Kreispolitik nicht mehr länger hinters Licht führen lassen wollen.Der Proteststurm gegen die Entscheidung des Kreistags zur drohenden Schließung des Schramberger Krankenhauses war deftig: Das Stadtzentrum erlebte die wohl mit Abstand größte Kundgebung der Neuzeit. Die Erwartungen der Veranstalter aus der taufrisch gegründeten Bürgerinitiative "Pro Region Schramberg" wurden bei weitem übertroffen. Sie waren von der Resonanz aus der Bürgerschaft der ganzen Region überwältigt. Zahllose Anwesende sorgten mit ihrem spontanen Beitritt zur Bürgerinitiative gleichzeitig dafür, dass die Initiatoren mit einer Eingabe beim Sozialministerium Baden-Württembergs Druck machen, um das Krankenhaus gegen den Willen der Kreistags-Mehrheit doch noch erhalten zu können.

Am Rednerpult vor dem Rathaus wurde Klartext gesprochen, der die Schärfe der zahllosen Leserbriefe mitnichten unterbot. Und an einem aufgebauten Protestzaun dürfen die Bürger ihren Frust weiterhin loswerden.

Überregionales Bürgerinteresse

Transparente mit Beispielen einer aus Bürgersicht verfehlten Politik des Landkreises gegen die Region Schramberg wetteiferten mit machtvollen Wortbeiträge. Der, nach allen Regeln der Wortkunst, zerpflückte Krankenhaus-Entscheid für Helios und gegen Schramberg war offensichtlich der Tropfen, der das Fass des Zorns gegenüber der Politik des Landkreises zum Überlaufen brachte.

Stadtrat Uli Bauknecht eröffnete als Moderator den massiven Rundumschlag gegen Landrat, Krankenhaus-Aufsichtsrat und gegen die Kreisräte, die am 28. Februar trotz möglicher Alternative "mit unfassbarer Gefühlskälte für den Abbau von 350 Arbeitsplätzen in Schramberg stimmten". Das überregionale Bürger-Interesse und Solidaritätsbekundungen selbst aus der Stadt Rottweil, seien Beweis dafür, dass das Vertrauen in die Obrigkeit nicht mehr vorhanden sei. Die Bürger bewiesen mit ihrer Anwesenheit, dass sie parteiübergreifend nicht mehr willens seien, der anhaltenden Benachteiligung der Raumschaft tatenlos zuzuschauen. Der Westteil des Landkreises müsse seine Anliegen selbst in die Hand nehmen, wofür ein aktuell gebildeter Initiativkreis in einmaliger Zusammensetzung ab sofort sorgen wolle. Vorrangiges Ziel dieser Bemühungen sei der Erhalt des Schramberger Krankenhauses.

Unternehmer Michael Melvin verwies auf das Recht des Bürgers und Steuerzahlers auf eine ordentliche medizinische Grundversorgung. Mit der Entscheidung gegen Ameos habe der Kreistag seinen wichtigsten Beschluss überhaupt in den Sand gesetzt. Nicht der Schramberger Protest verstoße gegen die demokratischen Grundsätze, sondern der durch "Filz, Klüngel und Mauschelei" zu Stande gekommene Beschluss. Schramberg solle nun den Preis für eine seit Jahren verfehlte Kreispolitik bezahlen, die anscheinend nur darauf ausgelegt gewesen sei, das Krankenhaus – trotz früherer schwarzer Zahlen – gezielt an die Wand zu fahren, um letztendlich unliebsame Konkurrenz loszuwerden. Melvin machte deutlich, dass die seit 2003 von OB Zinell an die Kreisverwaltung gerichteten dringenden Appelle zur Veränderung im Gesundheitswesen in Rottweil nur auf Ignoranz und taube Ohren gestoßen seien. Die daraus resultierenden gravierenden politischen Fehlleistungen seien für die strukturell seit Jahren benachteiligte Raumschaft nicht länger akzeptabel. Der Kreis habe den Mittelbereich Schramberg abgeschrieben, er verweigere sich einer Solidargemeinschaft und stelle sich damit in seiner Existenz selbst in Frage.

"Altar des Profits für Helios"

Als unfassbar bezeichnete Petra Neubert, Beschäftigte des Schramberger Krankenhauses aus Dunningen, den Beschluss des Kreistags zur Standortvernichtung, die von ihrem eigenen Heimatbürgermeister mitgetragen worden sei. Ein gefühlloser kommunaler Arbeitgeber habe kaltblütig gegen seine Fürsorgepflicht verstoßen. Solange noch ein Fünkchen Hoffnung sei, arbeite das Schramberger Krankenhaus mit voller Kraft weiter, betonte Neubert. Mediziner Heiko Gertsch begrüßte die Zuhörer als "Mitmenschen" und erklärte ihnen überdeutlich, warum er sich "diesem Landrat und diesem Kreis", egal wie die Entscheidung am Ende ausfalle, nicht mehr als Leitender Notarzt zur Verfügung stellen könne. Mit ihrem "unsauberen Verfahren" verspielten die Beteiligten sein Vertrauen, so Gertsch, weil es ihnen nur darum gegangen sei, Schramberg auf dem Altar des Profits für Helios zu opfern.

Oberbürgermeister Herbert O. Zinell skizzierte noch einmal die Notwendigkeit einer wohnortnahen medizinischen Versorgung. Der Kreis habe alle Mahnungen und Vorschläge ignoriert und einen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Region Schramberg dürfe sich durch die verfehlte Strukturpolitik nicht weiterhin in die Ecke drängen lassen, sonst werde der finanzielle Bumerang eines Tages herb zurückschlagen. Schrambergs Hoffnung beruhe nun darauf, dass die Gerichte das zu Wege brächten, wozu die Politik nicht im Stande gewesen sei.

Kommentare (3)
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MRZ
16
14:26 Uhr, geschrieben von Oliver Sack
Feigheit
Natürlich darf jeder seine Meinung sagen, wer sich aber derart "auskotzt" und "Heuchelei" schreit, der soll wenigstens so viel Mut haben und dies nicht anonym kundtun.
MRZ
15
23:39 Uhr, geschrieben von Ein bisschen mehr Ausgewogenheit
Heuchelei
Ein Stück weit ist die Schramberger Enttäuschung und Empörung ja nachvollziehbar, auch wenn die Äußerungen und Beiträge von Schramberger Seite (und da sind meiner Meinung nach auch die Lokal-„Redakteure“ oder besser Agitoren der beiden hiesigen Presserorgane miteinzubeziehen - wer hinterfragt z.B. mal die persönlichen Beziehungen zu Schramberger Krankenhaus-Angestellten? Nur soviel mal zum Thema "Befangenheit"!) zum Teil jenseits des Erträglichen sind. Was sich aber der Lt. Notarzt Gertsch, der es ja eigentlich besser wissen sollte, in der Öffentlichkeit erlaubt, das ist an Dreistigkeit kaum noch zu überbieten. Z. B. die nun wiederholt zitierten Äußerungen über die Profitgier von Helios, wo Schramberg nun als das „Opfer“ gesehen wird. Ja, wer hat denn das Fass der Privatisierung aufgemacht und wird nun die Geister nicht mehr los? Das waren doch die Schramberger Lokalpolitiker. Sich nun hinterher zu beklagen, dass private Träger ein profitables Konzept suchen (und ja naturgegeben auch suchen müssen - so ist die Marktwirtschaft auch im Gesundheitswesen) ist ja klar. Es ist doch logisch, dass ökonomische Erwägungen eine entscheidende Rolle spielen. Oder der Vorwurf der Rosinenpickerei in Hinblick auf die angestrebte Strahlentherapie-Ansiedlung am Standort Rottweil (die ja dem Vernehmen nach ein wesentlich längere Vorgeschichte als das Bieterverfahren hat). Auch für einen kommunalen Krankenhaus-Betrieb, der die wenig wirtschaftliche heimatnahe „Grund- und Regelversorgung“ der meist multimorbiden älteren Bevölkerung übernehmen soll, muss es im Rahmen einer Mischkalkulation ja auch „lukrativere“ Aktivitäten geben. Sonst endet jedes Krankenhaus über kurz oder lang in der Versenkung. Diese entweder jeglicher Sachkennntis ermangelnden oder bewusst diskreditierenden Vorwürfe stammen nun von einem Vertreter der sicherlich nicht gering „profitablen“ niedergelassenen Kardiologen. Aber „Rosinenpickerei“ ist dort ja sicherlich ein Fremdwort! Für einen eigentlich dem Wohl der Patienten verpflichteten Arzt ist es mehr als bedenklich, seine KollegInnen mehr oder weniger unverhohlen zum Zweisungs-Boykott eines bestimmten Krankenhauses aufzurufen. Es sollten doch allein medizinische Gründe und nicht lokalpolitische Gründe eine Rolle spielen. Auch wäre interessant, mal seine Einschätzung über das medizinische Konzept des Ameos-Angebots zu hören. Brauchen wir wirklich eine Thorax-Chirugie in Schramberg? Wo sollen die denn die ganzen hochspezialisierten Fachkräfte herkommen, um ein solches Konzept aus dem Boden zu stampfen? Und wo sollen die vielen Patienten herkommen, die benötigt werden, um eine solche Abteilung längerfristig bestehen zu lassen? Die Absurdität allein dieses Teilaspekts ist so offensichtlich, dass die Zukunftsfähigkeit des Ameos-Konzepts insgesamt doch zumindest angezweifelt werden muss.
MRZ
15
19:05 Uhr, geschrieben von Sylvia Schaible
Geld oder Liebe?
Soeben las ich diesen Artikel im sozialen Netzwerk und bin doch etwas irritiert! Hatte nicht vor wenigen Wochen ein Hygienetest des Nachrichtenmagazines Punkt 12 das Krankenhaus Schramberg zum Sieger und zu einem der saubersten Häuser Deutschlands gekürt? Ist dieser hohe Hygiene- und Sauberkeitsstandard heutzutage wirklich nichts mehr wert? Möchte man lieber schmutzige, beispielsweise innerhalb von sechs Wochen nicht gereinigte Krankenräume, Aufzüge oder Toiletten in Krankenhäusern. Wie immer geht's um Geld! Wer einmal einen Rotavirus oder eine Superinfektion aus der Klinik mit nach Hause gebracht hat, wird sich sehr wohl zu entscheiden wissen. Hoffentlich ist dann noch eine Alternative vorhanden.
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