Schramberg Integrations-Prozess braucht seine Zeit

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Viele der Zuhörer sind selbst ehren- oder hauptamtlich in der Betreuung von Flüchlingen tätig. Fotos: Kiolbassa Foto: Schwarzwälder-Bote

Schramberg (lar). Ankommen in einem fremden Land, sich an eine neue Kultur anzupassen, das alles sei ein Prozess, der Zeit brauche. Dies betonte die Politik- und Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Naher Osten, Fatima Majsoub, mehrfach in ihrem Vortrag im Rahmen von Little Glocal City "Andere Länder – andere Sitten – Einblicke in die orientalische Kultur" im Foyer des Schramberger Schlosses. Majsoub ist selbst Halb-Syrerin und besuchte regelmäßig das Heimatland ihres Vaters. Daher waren ihr auch die kulturellen Unterschiede, denen die bei uns lebenden Flüchtlinge ausgesetzt sind, bereits aus Kindertagen bekannt.

Hände schütteln

Was für uns Deutsche der "Normalität" entspreche, stehe teilweise in Kontrast zur "bisherigen Normalität" von Flüchtlingen: etwa einer fremden Person die Hand zu schütteln. In Syrien zeugt es von Respekt, fremde Personen weder zu berühren, noch in die Augen zu schauen. Wenn also ein Syrer einer deutschen für ihn fremden Frau verweigere die Hand zu schütteln, sei dies nicht immer ein Zeichen von Nicht-Akzeptanz, sondern könne einfach einen Gewissenskonflikt zwischen der alten und der neuen Kultur darstellen.

In solchen Situationen rät Majsoub ihren Zuhörern auf ihr Bauchgefühl zu achten und im zweiten Falle ihr Gegenüber nicht zu verurteilen, sondern ihm Zeit zu lassen, sich an die neue Sitte zu gewöhnen. Um muslimischen Frauen die Integration zu erleichtern, sei es wichtig, sie nicht zu drängen, ihr Kopftuch abzunehmen. Schließlich gehöre es seit Jahren zu ihrem Selbstverständnis und biete einen gewissen Schutz gegen die neuen Eindrücke.

Der Zwang, sich davon zu trennen, könne im schlimmsten Fall zum völligen Rückzug der Frau führen. Nicht wenige der ankommenden Flüchtlinge seien zudem traumatisiert, was die Arbeit ehren- sowie hauptamtlicher Helfer erschwere. Teilweise sei es unter diesen Umständen unmöglich Hilfe anzunehmen, was bei den Helfern oftmals für Frustration sorge – etwa wenn ohne Abmeldung im Deutschunterricht gefehlt werde. Dann sei es wichtig die Bedeutung von Werten, wie Pünktlichkeit und Absprache zu erklären, aber auch klare Grenzen zu setzen.

Herz noch in der Heimat

Denn wenn ein Angebot aus reinem Desinteresse nicht angenommen werde, solle man sich zurückziehen, man sei schließlich keine Serviceleistung. Anders liege der Fall, wenn die Fähigkeit das Angebot anzunehmen noch nicht gegeben sei, etwa weil ein Flüchtling sein Herz noch bei seiner Familie in der Heimat habe.

Dann sei es wichtig, Zeit zu geben, anzukommen, Kontakt mit der Familie aufzubauen, bis schließlich nach einer gemeinsamen Lösung gesucht werden könne.

Klare Grenzen sollten auch im persönlichen Umgang miteinander gesetzt werden, etwa inwiefern man berührt werden wolle. Dabei sei es von Bedeutung, den persönlichen Abstand zum Verhältnis der jeweiligen Person abzuwägen und so zu entscheiden, ob man beispielsweise in den Arm genommen werden wolle oder nicht.

Im Anschluss an den Vortrag folgte eine interessante Diskussion mit einigen Fragen zu speziellen Situationen von ehren- sowie hauptamtlich Tätigen in der Flüchtlingsbetreuung.

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