
Stuttgart - Das Verhältnis zu meinem Birnbaum ist nicht so innig, dass ich auf die Idee käme, mich an ihn zu ketten. Aber ich will ihn auch nicht missen. Er ist mir einfach nah. Er steht vor dem Esszimmer im Garten. Im Winter ist er kahl, im Frühjahr wird er grün, im Sommer trägt er Früchte, im Herbst bedeckt er alles mit Laub. Sein Alter kenne ich ebenso wenig wie die Sorte.
Der Baum macht mir Sorge. Vor zwei Jahren trug er so viele Früchte, dass sich die vermoosten Äste unter der Last bogen. Im vergangenen Jahr trug er noch viel mehr Früchte, so dass die Nachbarschaft mit gefüllten Körben zwangsbeglückt wurde. Doch mich beschleichen Zweifel. Sind die zwei goldenen Birnen-Jahre nichts anderes als das letzte Aufbäumen eines alten Baums, der fühlt, dass sein Ende naht?
Das schlechte Gewissen nagt. Jahrelang habe ich den Baum ungezügelt wachsen und wuchern lassen. Jetzt reckt er knorrig und verwachsen seine dürren Äste in die Wintersonne. Ein Krüppel ohne Zukunft?
Kneifen gilt nicht
Hoffnung verspricht das Umwelt-Bildungszentrum Listhof in Reutlingen mit einem dreistündigen Kurs für den naturnahen Obstbaumschnitt. Nach dem spontanen Griff zum Telefon bin ich angemeldet.
Am Tag der Schulung sind die Zweifel wieder da. Das Thermometer zeigt minus 13 Grad Celsius. Der erhoffte Rückruf, der das Ausfallen des Kurses mitteilt, bleibt aus. Nach einem Blick auf den Baum vorm Fenster gebe ich mir einen Ruck: Kneifen gilt nicht.
Vor dem Listhof stehen 24 dick eingepackte Gestalten und schauen den Dampffahnen hinterher, die aus ihren verkniffenen Mündern wehen. Franz, der Rentner, erzählt von seinem Kirschbaum, der einst aus einem ausgespuckten Kern keimte und jetzt einen Erziehungsschnitt braucht. Martha, die Lehrerin, will endlich auf der geerbten Streuobstwiese Ordnung schaffen. Und ich will meinen Birnbaum retten.
„Angsttriebe sind Energieräuber“
Während die klirrende Kälte in die Schuhe dringt und die Hosenbeine hochkriecht, doziert der Ökologe und Baumschnittgärtner Markus Schwegler über die Feinheiten des Oeschberg-Palmer-Schnitts. Er erzählt von Leit- und Fruchtästen, von Innenaugen, Endknospen und Wasserschossen. „Angsttriebe sind Energieräuber, die werden abgeschnitten.“
Mein persönlicher Energieräuber ist eine metallene Baumsäge, deren Kälte durch die Handschuhe beißt. „Vorsicht mit der Säge“, rät Schwegler, „da ist schnell ein Finger ab.“ Welcher Finger? Ich spüre keinen einzigen mehr. Dafür lerne ich, wie man größere Baumwunden verschließt: „Lackbalsam drüberstreichen.“
Will ich meinem Birnbaum wirklich verletzen, ihm gar große Wunden beibringen? Bei alten und wenig gepflegten Bäumen sei das nicht zu vermeiden, sagt der Dozent. „Man muss die Statik des Baums im Auge behalten und besonders die alten Exemplare entlasten.“ Manchmal sei es besser, ausladende und schwere Äste zu kappen, bevor sie abbrechen und so am Stamm großflächige Wunden reißen.
Beim ersten Versuch stehe ich ratlos auf der Leiter
Ein weiterer Tipp kommt bei den versammelten schwäbischen Baumschnittnovizen besonders gut an: „Schneiden sie so, dass der Ast zur Sonne wächst und nicht zum Nachbarn.“ Generell gelten, so lerne ich dann noch, beim Baumschnitt zwei Regeln. Die eine heißt: „Maßhalten.“ Die zweite steht im Widerspruch dazu: „Mut zum Schnitt.“
So instruiert stehe ich beim ersten Praxisversuch recht ratlos auf der Leiter. Soll ich maßhalten oder mehr Mut zeigen? Ohne Plan kürze ich vorsichtig ein paar Ästchen. Ich will dem Baum nicht wehtun – und ich will keine Fehler machen. Von Bekannten, die beim inzwischen verstorbenen Helmut Palmer einen Kurs gemacht haben, weiß ich, dass der selbst ernannte Baumschnitt-Papst Fehler mit drastischen Kommentaren begleitet hat.
Markus Schwegler ist da aus anderem Holz geschnitzt. Ruhig und sachlich korrigiert er meine Fehler und verhindert, dass ich den Baum mit einem „Idioten-Knick“ verunstalte. Der entsteht dann, wenn ein Ast über einem Außenauge geschnitten wird und dadurch aus der Knospe später ein neuer Zweig nach unten wächst. So weit die Theorie. Mit der scharfen Schere in der Hand zeigt die Praxis, dass ich wohl nicht der geborene Baumversteher bin. Schwegler hat Trost bereit. „Baumschnitt ist eine schöne Arbeit“, sagt der Gärtner, „aber nicht bei unter minus fünf Grad.“ Diesmal, so glaube ich, habe ich den Lehrmeister verstanden.
Mein Baum wird für mich ein Außenauge zudrücken
Zurück aus der Kälte stehe ich zu Hause vor der Wahl. Soll ich einen Birnenschnaps kippen? Oder gönne ich mir ein heißes Fußbad? Ich mache das eine, ohne das andere zu lassen. So wiederbelebt fasse ich einen Vorsatz. Sobald es wieder wärmer ist, werde ich die Leiter an meinen Birnbaum lehnen und mit der Astschere hochsteigen. Ich verspreche, ganz sanft zu sein. Mein Baum wird für mich Laien hoffentlich ein Außenauge zudrücken. Idioten-Knick hin oder her.
Obst- und Gartenbauvereine in Baden-Württemberg bieten Schnittkurs für Obstbäume an: www.logl-bw.de. In Stuttgart-Sillenbuch beispielsweise finden am Samstag, 25. Februar, um 13.30 Uhr (Vereinsgarten am Baumgartenweg oberhalb der evangelischen Kirche) und am Samstag, 3. März, um 13.30 Uhr (Madenstraße bei den Gebäuden 37 bis 39) Kurse statt.Wandern Schwarzwald |
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