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S21-Fildertunnel Mit "Suse" durch die Urmeerküste

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Mit 5700 PS gräbt sich die Tunnelbohrmaschine "Suse" durch das Gestein. Die Arbeiten am S21-Fildertunnel schreiten voran. Foto: dpa

Stuttgart - Wenn Christian Haider um 6.00 Uhr in der Frühe seine Schicht beginnt, begrüßt er seinen Kollegen nicht mit einem „Guten Morgen“, sondern mit einem „Glück auf!“. Nach der Übergabe setzt sich der Österreicher an seinen Arbeitsplatz tief unter der Erde: Im Schildführerhaus steuert er die Tunnelbohrmaschine (TBM), die sich für das Bahnprojekt Stuttgart 21 in Richtung Landeshauptstadt gräbt. Seine Aufgabe im „Herz und Gehirn“ des Ungetüms aus 2000 Tonnen Stahl besteht darin, die Maschine auf Kurs zu halten, das Tempo des Schneidrads mit Schneidrollen und Schälmessern zu kontrollieren sowie Förderschnecke und -bänder für den Abtransport des Abraums im Auge zu behalten.

Der Installateur Haider ist Mitglied eines zehnköpfigen Teams, dem unter anderem ein Ingenieur, ein Elektriker und ein Mechaniker angehören. „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft“, schwärmt der 52-Jährige aus dem Niederösterreichischen Melk. Die Hälfte der insgesamt 60-köpfigen Mannschaft - an der Baustelle gibt es nur eine Schichtingenieurin und eine Geotechnikerin - kennt er schon von anderen Tunnelprojekten.

Von den Beschäftigten im Fildertunnel, die in drei bis vier Schichten rund um die Uhr arbeiten, kommen zwei Drittel aus Österreich. Den Zuschlag für das Vorhaben hat eine Arbeitsgemeinschaft aus vier österreichischen Firmen, das Austrian Tunnel Consortium Stuttgart 21, erhalten. Weit weg von der Heimat sind die Beschäftigten in einem ehemaligen Hotel in Denkendorf (Kreis Esslingen) untergebracht. Haider arbeitet mit Pausen täglich zehn Stunden, zehn Tage am Stück. Dann fährt er für fünf Tage nach Hause zu Frau und zwei Kindern. Die Freizeit nutzt er für Aktivitäten: „Wandern, Rad fahren, jagen“, zählt er auf. „Und dann bin ich noch in der Feuerwehr. Das ist eine schöne Zeit.“

Nur acht Minuten vom Talkessel bis zum Airport

Der Fildertunnel ist als Verbindung zwischen der Stuttgarter City und dem Landesflughafen ein Kernstück des bis zu 6,5 Milliarden Euro teuren Vorhabens Stuttgart 21. Die Passagiere sollen ab der Inbetriebnahme, die für Ende 2021 anvisiert ist, nur acht Minuten vom Talkessel bis zum Airport brauchen. Dort wird ein neuer Fernbahnhof gebaut, von dem eine Schnellbahnstrecke über Wendlingen und die Schwäbische Alb bis nach Ulm führen soll. Die Fahrzeit zwischen Landeshauptstadt und Münsterstadt soll von 54 auf 31 Minuten sinken. Auf diese Zeitersparnis bezieht sich auch der Name der 5700 PS starken „Suse“: „Stuttgart-Ulm schneller erreicht“.

Haider sitzt aber nicht den ganzen Tag in seinem Führerhaus. Nach 50 Minuten, in denen die von 52 Hydraulikpressen nach vorne geschobene Maschine zwei Meter zurückgelegt hat, wird ein ebenfalls zwei Meter breiter Betonring eingebaut. Er besteht aus sechs Segmenten und einem Schlussstein, der das Gebilde wie in einem römischen Viadukt stabilisiert. Die Tübbinge genannten Elemente werden aus der Oberpfalz angeliefert und warten zu mehreren Dutzend Gebinden vor dem Tunnelportal auf die Weiterverarbeitung.

Da das Schneidrad während der Verschalung stillsteht, kann Haider seinen Posten verlassen und den „Ringbauern“ unter die Arme greifen. Bei der ganzen Hochtechnologie befremdet es, dass der große Mann im orangefarbenem Arbeitsanzug mit einem Zollstock überprüft, ob die neuen Ringelemente auch bündig mit den bereits verlegten abschließen. Damit alles richtig sitzt, gibt Haider seinem Kollegen mit der Fernbedienung Orders. Dieser steuert den Erektor, eine Maschine, die die 11 Tonnen schweren Beton-Teile mittels eines Vakuums von einem Förderband hebt und an die Tunnelwände drückt.

Die 45 Zentimeter starken Segmente werden untereinander und mit dem zuletzt eingesetzten Ring durch riesige Schrauben verbunden. Der Hohlraum zwischen Innenauskleidung und Tunnelwand wird später mit Mörtel gefüllt. Das Einsetzen eines Rings dauert etwa 30 Minuten. Derzeit sind mehr als 500 Ringe gesetzt. Geologisch arbeitet sich „Suse“ nun durch den Knollenmergel. „Wir sind gerade an einer Urmeerküste angelangt“, erläutert Andreas Rath von der federführenden Porr AG.

Für Projektleiter Matthias Breidenstein liegt der besondere Reiz seiner Arbeit darin, dass er unter Tage im wahrsten Wortsinn Neuland betritt. „Den Berg hat noch nie ein Mensch zuvor angefasst“, beschreibt der Mineur die Faszination. Derzeit befindet sich über den Mineuren 40 Meter Erde, am tiefsten Punkt des Tunnels unter dem Stuttgarter Fernsehturm wird die Schicht 200 Meter dick sein.

Die sogenannte Bewetterung sorgt mit einer großen Röhre vom Filderportal bis zur TBM für Frischluft im Schacht. Das ist auch nötig, denn die Mineure sind nun mehr als 1000 Meter im Berg und benutzen schon eine kleine Eisenbahn, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Zwar gehört die Zukunft den Tunnelbohrmaschinen, wie sie zahlreich vom baden-württembergischen Unternehmen Herrenknecht (Schwanau/Ortenaukreis) in die ganze Welt verkauft werden. Auch die rund 20 Millionen Euro teure „Suse“ kommt aus Baden. Aber wenn es das Gestein nicht zulässt, müssen die Mineure auf die traditionelle Bergbauweise umstellen. Das erwartet die Truppe beim Fildertunnel auch: Auf 1150 Metern Länge steht Anhydrit an, ein äußerst schwieriges Gestein, dass in Kombination mit Wasser aufquillt und Druck auf Gebirge und Bauwerk ausübt. Da kommen die Experten mit der TBM nicht mehr weiter und müssen sich mit Baggern und Meißeln sowie gezielten Sprengungen voranarbeiten. Breidenstein erläutert: „Wir können mit der Maschine halt die Geologie nicht genau anschauen.“ Das sei aber beim Anhydrit nötig.

Der Fildertunnel wird der drittlängste Tunnel der Deutschen Bahn sein

Nach etwa drei weiteren Kilometern Graben beginnt diese geologische Übergangszone. Dann wird „Suse“ abgebaut, denn rückwärts kann sie nicht fahren. Rund ein halbes Jahres dauert der Ab- und Wiederaufbau des komplexen Gerätes, mit dem dann erneut vom Filderportal aus die zweite Röhre des Tunnels begonnen wird.

Der Fildertunnel wird bei Fertigstellung mit 9,5 Kilometern der drittlängste Tunnel der Bauherrin Deutsche Bahn sein. Nur der Landrückentunnel in Hessen mit knapp 11 Kilometern und der Mündener Tunnel in Niedersachsen mit 10,5 Kilometern sind länger, allerdings handelt es sich um einröhrige Bauwerke. Bei Stuttgart 21 beträgt die Gesamtlänge aller vier Tunnel 59 Kilometer. Davon sind 3,5 Kilometer gebaut. Die Bahn beziffert den Auftrag für den Fildertunnel und einen daraus abzweigenden Tunnel auf zusammen 700 Millionen Euro.

Dass Mineure je nach Jahreszeit kaum das Tageslicht sehen, stört Breidenstein kaum. „Wir haben es doch angenehm warm hier“, sagt er mit Blick auf die rund 20 Grad, die im Tunnel dauerhaft herrschen. Die langen Abwesenheiten von zu Hause werden den Mineuren durch ein lukratives Gehalt versüßt. „Ich werde gut bezahlt“, sagt Haider. Die Arbeiter gehen je nach Erfahrung mit 2500 bis 3500 Euro netto im Monat nach Hause. Steuern zahlen die Österreicher wegen des deutschen Arbeitgebers Bahn übrigens an den hiesigen Fiskus. Offenbar stellt sie die deutsche Steuererklärung - ebenso wie manchen Inländer - vor Probleme. Mineur Haider hat sich bereits eine deutsche Steuerberaterin genommen.

 
 

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