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Rottweil Zu viel Licht macht die Nacht zum Tag

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Foto: Bergthal

Rottweil-Göllsdorf - Städte geben nachts ein besonders Bild ab. Das liegt an der zunehmenden Beleuchtung. Während die Kommunen immer heller strahlen, sind Sterne kaum mehr zu sehen. Und das Licht hat Auswirkungen auf Mensch und Tier.

Wenn Siegfried Bergthal in den Himmel blickt, dann stellt er fest: Er sieht fast nichts. Das allerdings liegt nicht etwa daran, dass es nachts zu dunkel ist. Im Gegenteil: Es ist zu hell. Die Zahl der mit bloßen Auge sichtbaren Sterne hat sich seinem Empfinden nach von 3000 auf 100 reduziert. Wie er darauf kommt? "Sie müssen nur hinters Haus gehen und zählen." Die Milchstraße sei in der Umgebung von Rottweil nur noch an wenigen Tagen im Jahr schemenhaft sichtbar und zwar dann, wenn die Luft sehr trocken ist. Denn viele Wassertröpfchen in der Luft streuen das künstliche Licht.

Dem Göllsdorfer haben es die Sterne seit jeher angetan. "Schon als kleiner Bub hat mich das fasziniert", erzählt er. Inzwischen ist er im Vorstand der Vereinigung der Sternfreunde, der nach eigenen Angaben im deutschsprachigen Raum über 4000 Hobbyastronomen angehören.

Früher hatte er in Göllsdorf eine kleine Sternwarte, dann lebte er jahrelang auswärts. Als er nach Göllsdorf zurückkehrte, musste er feststellen: Die Sicht auf die Sterne wird immer schlechter. "Irgendwo scheint immer eine Straßenlampe rein." In Rottweil wird nachts immer mehr Licht produziert, lautet Bergthals Fazit: "So viel, dass es inzwischen weit über die notwendige und sinnvolle Beleuchtung hinausgeht." Dadurch werde der Nachthimmel immer heller erleuchtet, die Nacht zum zweiten Tag. Lichtverschmutzung. Auch mit diesem Thema hat sich der heute 50-Jährige neben der Astronomie ausführlich beschäftigt. Die Auswirkungen dieses Zuviel an Licht, so meint er, sind gravierend für Mensch und Tier.

Melatonin wird in der Dunkelheit produziert – und regelt innere Uhr

Pflanzen benötigen den hell-dunkel Rhythmus für die Photosynthese, tagaktive Tiere genau wie Menschen die Dunkelheit zum Schlafen und Regenerieren, erklärt Bergthal. Tatsächlich gebe es Hinweise darauf, dass die Lichtverschmutzung schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat, sagt auch Petra Sostak, Ärztin im Gesundheitsamt des Landkreises Rottweil. Allerdings: "Das sind mehr oder weniger Vermutungen." So wird das Hormon Melatonin in der Zirbeldrüse gebildet und freigesetzt, wenn es dunkel ist. Zu wenig Dunkelheit bedeutet also eine niedrigere Melatoninproduktion. Dieses Hormon ist wichtig für den Tag-Nacht-Rhythmus, also die innere Uhr eines Menschen. Ist sie durcheinander, könnten Schlaf-, Stimmungs-, Herz-,Kreislauf- oder MagenDarm-Störungen die Folge sein. So viel steht fest. Jedoch, erklärt Sostak, spielen eben auch andere Faktoren als das Licht eine Rolle, wenn es darum geht, ob jemand gut schläft oder nicht – etwa Lärm oder das Fernsehprogramm vorm Zu-Bett-Gehen. Die Medizinerin berichtet von einem Versuch mit Mäusen, die nachts Dämmerlicht ausgesetzt gewesen seien. Diese Tiere wiesen anschließend Veränderungen im Gehirn und im Immunsystem auf. Zudem hätten beispielsweise Schicht- arbeiter nachweislich ein höheres Krebsrisiko. Aber auch die seien nicht nur Licht ausgesetzt, sondern hätten dazu noch einen ungewöhnlichen Tag-Nacht-Rhythmus.

Menschen, sagt Sostak, könnten sich relativ leicht vor der Lichtverschmutzung schützen: mit blickdichten Rollos. Für die Tiere ist es nicht so einfach. So lassen unzählige Insekten ihr Leben an brennenden Straßenlampen. Siegfried Bergthal ist bei seinen Recherchen auf die Information gestoßen, dass in einer milden Sommernacht circa 150 tote Insekten an einer Straßenlampe gezählt werden. Die wiederum stünden Vögeln und anderen Lebewesen dann nicht mehr als Nahrungsquelle zur Verfügung und fehlten bei der Blütenbestäubung.

Straßenlampen sind für den Göllsdorfer die Hauptursache für Lichtverschmutzung. "Sie dienen der zumindest gefühlten Sicherheit und erhöhen die Lebensqualität. Doch sollten sie sinn- und maßvoll eingesetzt werden", meint er.

Aufzugtestturm muss zwischen 1 und 5 Uhr dunkel bleiben

Im gesamten Stadtgebiet gibt es laut Verwaltung 4300 Straßenlampen. Anders als in anderen Orten leuchten sie die ganze Nacht hindurch. Dabei handelt es sich um einen Gemeinderatsbeschluss, an dem das Gremium selbst in Zeiten der Haushaltskonsolidierung festgehalten habe. "Es geht um das Sicherheitsempfinden", erklärt Pressesprecher Tobias Hermann. Mit dem Anbruch der Dämmerung gehen die Leuchten abends an und morgens wieder aus. 600 000 Euro kosten Betrieb und Unterhalt die Stadt jedes Jahr. Bergthal nennt als Beispiel Albstadt, wo ein Teil der Straßenbeleuchtung zwischen 1 und 4 Uhr ausgehe, was circa 53 000 Euro spare. Die Beleuchtung in Göllsdorf dagegen zeige, dass viel Licht gar nicht auf der Straße ankomme, sondern Häuser angestrahlt würden. Auf einem Foto hat er festgehalten, dass auch die Beleuchtung des Kapellenturms zum Teil an dem Bauwerk vorbeigeht. "Dieses in den Himmel gestrahlte Licht kostet unnötig Geld und Energie", erklärt er.

Das ist natürlich auch in den Kommunen kein Geheimnis. Ab dem Jahr 2010 hat die Stadt deshalb die alten Quecksilberdampflampen nach und nach durch Natriumdampflampen ersetzt. Sie sind energieeffizienter und verteilen das Licht zielgenauer. Das trifft umso mehr auf die modernen LEDs zu. Das Ziel war, Energie zu sparen, die Lichtverschmutzung an den einzelnen Lampen zu verringern, eher ein Nebeneffekt.

In den kommenden Jahren muss die Stadt das gesamte Netz modernisieren – die EU schreibt es vor. Das allerdings wird ein Großprojekt: Die Verwaltung schätzt die Kosten dafür auf 4,3 Millionen Euro.

Mit der Lichtverschmutzung ist es so eine Sache. Während es beispielsweise Vorgaben gibt, wie hell die Straßenbeleuchtung an Bundesstraßen oder auf Gehwegen sein muss, gibt es keine Richtlinie, wann von Lichtverschmutzung die Rede sein kann, sagt Tobias Hermann.

Edgar Griesser, Leiter des Bau-, Naturschutz- und Gewerbeaufsichtsamts im Kreis, formuliert es ähnlich. Die Lichtverschmutzung sei ein breites Feld. Eine Rolle spielt die Beleuchtung etwa bei Bebauungsplänen. Dann gibt es einen Umweltbericht, in dem unter anderem der Frage nach den Auswirkungen vom Licht nachgegangen wird. Beim Thema Aufzugtestturm beispielsweise hatte die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt eine Stellungnahme abgegeben und darin erklärt, dass der Turm während Vogelflugzeiten nachts nicht beleuchtet sein darf. Das hat sich in Paragraf drei des städtebaulichen Vertrags zwischen Rottweil und ThyssenKrupp Elevator niedergeschlagen. Dort steht nun unter anderem, dass der Turm nicht direkt von außen beleuchtet wird. Und selbst die indirekte Beleuchtung ist "in den tiefen Nachtstunden von 1 Uhr bis 5 Uhr" nicht zulässig, heißt es dort. Dennoch wird der Turm natürlich zu sehen sein, auch auf den künftigen Fotos von Siegfried Bergthal. Denn der Göllsdorfer blickt nicht nur in den Himmel, sondern durchs Objektiv auch auf die Stadt vor seiner Haustür, etwa vom Dissenhorn aus. Von dort aus sind die schon hellen Ecken Rottweils deutlich zu sehen.

Wenn er richtig viele Sterne beobachten möchte, wählt der 50-Jährige sein Urlaubsziel entsprechend. So waren die Bergthals bereits in Australien oder Namibia oder bei Sonnenfinsternissen in der Türkei und China. Die nächste totale Sonnenfinsternis ist am 20. März auf den Färöer-Inseln zu beobachten. Dorthin allerdings reisen die Göllsdorfer nicht. Denn nicht nur zu viel Licht am Boden bedeutet eine schlechte Sicht. Auch das Wetter spielt eine große Rolle. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Himmel während der Sonnenfinsternis bewölkt sein wird, ist groß. uDie Nachtaufnahmen von Rottweil von Siegfried und Walburga Bergthal sind auf den folgenden Rottweiler Seiten zu sehen.

 
 

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Armin Schulz

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