Rottweil Zimmertheater in der zehnten Saison

Bodo Schnekenburger, 10.08.2012 10:00 Uhr

Rottweil - Wenn am Sonntagabend der Vorhang im Hof des Glatter Wasserschlosses fällt, endet für das Rottweiler Zimmertheater eine anstrengende Saison. Fast 200 Veranstaltungen schulterte das Team in seiner zehnten Spielzeit.

Es kann nicht darum gehen, über Rekorde zu be- und das Programm daran auszurichten. Trotzdem ist diese Zahl wichtig. Ganz abgesehen von der Feststellung, dass Masse nicht zwingend Qualität bedeutet, vermittelt sie doch eine Vorstellung davon, welchen Aufwand das vergleichsweise kleine Haus mit seinen bescheidenen Mitteln treibt. In Sachen Qualität gab es in der zehnten Spielzeit auch ganz offiziell eine Einschätzung, die für Aufsehen sorgte: die Einladung zu den Privattheater-Tagen in Hamburg, wo sich Beteiligte und Publikum durchaus erst einmal schlau machen mussten, wo und was denn dieses Rottweil sei.

Es ist symptomatisch für ein schwer zu fassendes Phänomen. Tina Brüggemann und Tonio Kleinknecht haben, seit sie im November 2002 die Intendanz antraten, ein Theater aufgebaut, das gut ist. Richtig gut. So wie die kleineren Theater in Tübingen oder Freiburg oder auch Stuttgart, die in Hamburg übrigens nicht dabei waren. Der Unterschied? Rottweil ist nunmal eineinhalb Nummern kleiner als Tübingen. Mit den kritisch-innovativen Theatern der Unistädte oder dem etablierten, anspruchsvollen Angebot der Metropolen auf Augenhöhe zu spielen, ist nicht selbstverständlich.

Etablierung der Regelmäßigkeit in der Wahrnehmung

Wie es sich entwickeln würde, konnte 2002 niemandem wirklich klar sein. Als Brüggemann und Kleinknecht das neue Zimmertheater übernahmen, gab es zum einen die Vereinbarung "100+", also mindestens 100 Veranstaltungen, den Theatersaal, zwei Produktionen, die sie selbst mitbrachten, Aufbruchstimmung – und durchaus auch Vorbehalte. Weshalb nicht das alte weitermachen, Friedhelm Bärschs Werk fortführen, weshalb Jutta Bärsch und Mark Cevio nicht eine Zukunft geben?

Das neue Team, Theaterverein und Intendanz, machte einen Schnitt, setzte auf eine andere Bühnenästhetik, bei der sich der Raum verändert und der Schauspieler im Vordergrund steht, und gleich in der ersten Saison auf 175 Veranstaltungen. Zu viel, auch wenn eine ganze Anzahl auf das Konto der Heimattage fiel. Immerhin zogen 12.000 Besucher mit. Auch wegen des Jahrhundertsommers 2003, als "Ein Sommernachtstraum" mit verschiedenen Prominenten-Besetzungen für die Handwerkerrollen für Furore sorgte. Tatsächlich sind das Sommer- und das Kinderstück eine Struktur, vervollständigt noch durch die Produktion eines anspruchsvollen modernen Stückes, die sie von den Vorgängern übernommen haben. Und sie sind wichtige Pfeiler. "Bei einem schlechten Sommer macht der Unterschied 25.000 Euro aus, erzählt Kleinknecht. Deshalb galt es in den ersten Jahren auch, das Haus auf eine Basis zu stellen, dass Wettereskapaden nicht gleich eine existenzielle Bedrohung darstellen.

Nach etwa fünf Jahren, erinnert sich Brüggemann, war ein weiteres Ziel erreicht: der regelmäßige Spielplan, bei dem auch in der Öffentlichkeit das Eröffnungsstück genau so wichtig ist wie die beiden Besuchermagneten, die Etablierung der Regelmäßigkeit in der Wahrnehmung, also das Bewusstsein für die Option, dass das Theater fast das ganze Jahr hindurch ein Angebot bereit hält. Das aufgeschlossene Publikum eröffnet neue Möglichkeiten: "Wir sind heute mit den modernen Dramatikern ein Stück weiter als in anderen Städten", erklärt Kleinknecht. Gefühlsmäßig hätten sie "viel Pionierarbeit geleistet", Arbeit, die sich gelohnt habe: "Die Leute sind bereit, sehr weit mit uns zu gehen." Auf einem Weg ist das Zimmertheater schon weit voran geschritten. Um ein theaterpädagogisches Angebot wie seines zu finden, muss man sich auch an größeren Standorten intensiv umschauen.

Nach Aufbau und ästhetischer Erneuerung gibt es für die nächsten fünf Jahre einen Wunsch: Auf der Theaterkarte soll der weiße Fleck Rottweil verschwinden.

 
 
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