
Von Kathrin Kammererund Saskia Schuh
Rottweil. Lange wurde er herbeigesehnt, nun ist er da: der Winter. Doch die klirrende Kälte mit zweistelligen sibirischen Minusgraden macht vielen zu schaffen. Ganz besonders denen, die keine schützenden vier Wände haben, in denen sie sich wieder aufwärmen können.
Wer sich in diesen Tagen nach draußen wagt, ist umso glücklicher, wenn er nach einigen Minuten mit steifgefrorenen Fingern und kalten Ohren ein Plätzchen findet, an dem er sich aufwärmen kann. Doch was machen die Rottweiler, die sich steigende Heizkosten oder ein warmes Essen nicht leisten können? Oder gar kein zu Hause haben?
Während der Streife hat die Polizei ein Auge auf Wohnsitzlose und fährt bekannte Treffpunkte wie Boxhof, Bahnhof, Nägeles- und Stadtgraben sowie den Friedrichs-platz ab. "Besteht wegen extremer Kälte Gefahr für Leib und Leben, nehmen wir die Personen auch mal mit auf die Wache und lassen sie dort übernachten", berichtet Polizeisprecher Reiner Hermann. Er betont jedoch, dass dies grundsätzlich nicht in den Aufgabenbereich der Gesetzeshüter falle, sondern vielmehr in den der Stadt oder sozialer Einrichtungen.
Beispielsweise der Rottweiler Spittelmühle. "Unsere Türen stehen jedem offen", betont Verena Gaiffi. "Wenn alle Betten voll sind, dann richten wir mit Matratzen und Liegen eben zusätzliche Schlafplätze her", erklärt sie weiter. Platz für 26 Bewohner hat die Mühle regulär, momentan sind es ein paar mehr.
Wohnsitzlose können bis zu 18 Monate in der von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betriebenen Einrichtung verbringen, während ihre sogenannte "Wiedereingliederung" läuft. Dazu gehört eine medizinische Versorgung, regelmäßige Arbeit und der Versuch eine Wohnung zu finden. Die Mühle sei in Obdachlosenkreisen bekannt und würde größtenteils von denjenigen aufgesucht, "die es auf der Straße nicht mehr schaffen" und aus dem Teufelskreis ausbrechen wollen, so Gaiffi.
Wenn es besonders kalt ist, finden Obdachlose im Rahmen des "Erfrierungsschutzes" in der Einrichtung auch eine Unterkunft für kürzere Zeit. "Am Mittwoch sind erst wieder zwei gekommen, weil es momentan so eisig ist", berichtet Gaiffi. Die Bewohner der Spittelmühle stammen größtenteils nicht aus Rottweil, erzählt sie. Vielmehr handle es sich um Durchreisende. "Die klassische Obdachlosenszene wie in Großstädten gibt es in Rottweil eigentlich gar nicht mehr", weiß Gaiffi.
Das bestätigt auch Irmgard Egin von der Rottweiler Wärmestube, dem "Suppenstüble". Vor Jahren sei dies noch ganz anders gewesen, doch mittlerweile gebe es sogenannte Berber, die aus Überzeugung im Freien leben, in Rottweil fast gar nicht mehr. Vielmehr seien es in Not geratene Menschen, die aus ihren Wohnungen raus mussten und keine neue Bleibe finden.
Für Heizung und eine warme Mahlzeit fehlt oft das Geld
Trotzdem kommen rund 20 bis 25 Menschen täglich in die Wärmestube. Zum Frühstück, und vor allem zum warmen Mittagessen für nur einen Euro. "Viele sind Stammgäste, die aus Rottweil sind und regelmäßig kommen. Sie haben zwar meistens eine Wohnung, aber zu wenig Geld für Essen, oder sind bei uns, damit sie die Heizkosten zu Hause sparen können", erzählt Egin. Oft handle es sich um kleine, karg ausgestattete Sozialwohnungen, beispielsweise am Omsdorfer Hang.
Obdachlose würden die Spittelmühle bevorzugen, da es dort neben warmem Essen auch eine Unterkunft gibt. Neben einer Mahlzeit und der Möglichkeit sich zwischen 8 und 15 Uhr aufzuwärmen, gibt es auch die Möglichkeit zu duschen. Selbst ein kleines Kleiderlager hilft bei den eisigen Temperaturen in der größten Not. Zudem bietet Gaiffi im AWO-Büro im ersten Stock eine Beratung an und zahlt das Tagegeld in einer Höhe von rund zwölf Euro für Obdachlose aus.
Doch Bedürftige kommen nicht nur wegen dem Essen in die Wärmestube, sondern auch wegen der "familiären und gemütlichen Atmosphäre", erzählt Egin. Selbst Menschen, denen es finanziell besser geht, besuchen die Wärmestube regelmäßig. "Sie zahlen dann mehr als den symbolischen Betrag von einem Euro", so Egin. Von diesen Besuchern höre man oft, wie sehr sich ihr Bild von in Not geratenen Menschen geändert habe und dass sie ihre Vorurteile in der Einrichtung schnell abgelegt hätten.
Zahlreiche freiwillige Helfer sichern das Angebot an sieben Vormittagen in der Woche. "Derzeit suchen wir allerdings dringend ehrenamtliche Helfer, besonders Köche", betont Egin. Finanziert wird der Betrieb durch Mitgliedsbeiträge des Vereins "Freundeskreis Wärmestube Rottweil", Spenden und einen Zuschuss des Landkreises Rottweil, so Wilhelm Dilger, Vorsitzender des Vereins.
Denkanstöße: Diplom-Meteorologe Sven Plöger referiert im Kraftwerk zum Thema Klimawandel.