Von Verena Schickle Rottweil. Die älteste Stadt Baden-Württembergs ist reich an Geschichte, das ist offensichtlich. Besonders lebendig wird diese ab Weihnachten im Rottweiler Stadtmuseum. Dann wird dort die Herrenkramersche Krippe "lebig" gemacht, also bespielt."Das Berühren der Figüren mit den Pfoten isch polizeilich strengstens verboten!" Ein Blick auf die Eintrittskarte zeigt: In diesem Theater fallen klare Worte. Und: Hier wird Schwäbisch "gschwätzt", Rottweiler Schwäbisch bitteschön. Weihnachtliche Harmonie? Gibt es. Das "Läba" allerdings sieht manchmal anders aus. Das Jesuskind hat es trotzdem im Blick. Das erlebt, wer beobachtet, wie die Herrenkramersche Krippe im Rottweiler Stadtmuseum "lebig" gemacht wird.

Doch der Reihe nach: Es begab sich aber zu der Zeit, dass viele Rottweiler eine Krippe zu Hause hatten. Im 19. Jahrhundert gab es in jedem alten Stadtviertel zwei bis drei Krippen in Bürgerhäusern. Diese zu besuchen war ein Brauch, der erst im Zweiten Weltkrieg ein Ende nahm. Die bedeutendste darunter war die herrenkramersche.

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Ihren Namen erhielt sie von ihrem ersten nachweisbaren Besitzer, Franz Joseph Kramer (1813 bis 1873). Kramer war weit gereist, hatte beruflich aber zuweilen Pech. Dafür wusste er mit den "besseren" Leuten umzugehen – was ihm seinen Beinamen "Herrenkramer" einbrachte – und mit Worten. Über seine Gesellenzeit schrieb er ein Wandertagebuch, und ab 1865 machte er seine Krippe, die Figuren hatte er gesammelt, "lebig". Soll heißen: Die Krippe wurde zur Bühne für eine Art Puppentheater. All das beschreibt der ehemalige Stadtarchivar Winfried Hecht in seinem Buch "Die Herrenkramersche Krippe in Rottweil".

Hecht war es auch, der die Tradition wieder aufleben ließ. Seit 1986 steht die Krippe im Stadtmuseum und ist immer ab Weihnachten einige Wochen lang zu sehen. Klassisch, wie man sich das vorstellt: Maria, Josef und das Kind in der Krippe, außerdem Hirten und Verkündigungsengel, so ist die Weihnachtsgeschichte am Fuße des Krippenbergs dargestellt.

Immer im November fängt Winfried Hecht mit dem Aufbau der Figuren an. Unterstützt wird er dabei von einem ganzen Team. Angela König beispielsweise sammelt Moos, um den Krippenberg zu dekorieren. Uli Hezinger kümmert sich um die Technik, und eine andere Helferin fettet Mini-Lederstiefel und bringt die Kleider der Figuren in Form. So wird der Krippenberg im Stadtmuseum nach und nach bevölkert. Obendrauf befindet sich Alt-Rottweil.

Die Skyline der Stadt dient als Kulisse für ein etwas anderes Krippenspiel: ein Tag in Alt-Rottweil. Die Figuren darin sind etwa das Annemaregle, der "Kreuz"-Wirt, ein Kemichfeger und Doktor Eisenbart. "Lebig" gemacht werden sie von Kindern und Jugendlichen, die die Puppen an Drahtstäben bewegen. Drei Gruppen wechseln sich bei den insgesamt rund 30 Vorstellungen pro Saison ab. Die Teams sind eingespielt, die Kinder über Jahre hinweg dabei.

Der Text, den sie sprechen, dürfte aus dem 18. Jahrhundert überliefert sein. Wobei sprechen die Sache nicht ganz trifft, "schwätzen" passt eher: "Das muss Schwäbisch kommen, Rottweilerisch", erklärt Winfried Hecht, "sonst hat es keinen Wert."

Die Jesuiten, so vermutet er, haben wohl über die Krippe Religionsunterricht gegeben und dabei den Glauben aufs Leben heruntergebrochen: Rottweil wird so zu Bethlehem, der Krippenberg steckt voller Symbole. Rund 50 Zuschauer pro Vorstellung können das erleben.

Im Stück treffen Gut und Böse aufeinander, da kann es schon mal derb zugehen. Mal bestraft der "Kreuz"-Wirt das Annemaregle mit Schlägen, dann steht sein Gasthaus in Flammen (das Feuer im "Kreuz" gab es 1829 übrigens tatsächlich). Kommentar Hecht: Die Szene sei entschärft. "Man hört sie nur schreien", erzählt er grinsend. Mal tritt der Doktor Eisenbart, ein Scharlatan, auf, während der wahre Heiland am Fuße des Krippenberges in der Futterkrippe schlummert. Und am Ende tanzt die Hexe von Rheinau auf dem Dach der Kapellenkirche.

Dann wird es dunkel im Stadtmuseum, und das ein oder andere Kind im Publikum schreit vor Schreck auf. Bis ein Nachtwächter die Bühne betritt: "Hört ihr Herrn und lasst Euch sagen, unsre Glock hat eins geschlagen. Ein Gott ist nur in der Welt, dem sei alles Heil bestellt", verkündet er.

Ende gut, alles gut also. Zumal es nach dem Krippenspiel für junge Besucher Plätzchen gibt. Auch das ist Tradition bei Krippenbesichtigungen in Rottweil.