Rottweil - Angst vor den Narren? Kennt Jara nicht. Die Sechsjährige sitzt am Montagmorgen beim Rottweiler Narrensprung auf den Schultern ihres Papas und jauchzt vor Freude. Als gleich mehrere bunt gekleidete Mäschgerle zu ihnen an den Straßenrand kommen und den Vater mit einem Wedel an der Nase kitzeln, greift die Kleine kurzerhand mit ihren Händen danach und lacht laut. „Jara fürchtet sich überhaupt nicht“, sagt ihr Vater. „Sie kennt das schon.“

Dabei sehen die Masken der Rottweiler Kleidleträger mitunter durchaus zum Gruseln aus: Der Federahannes beispielsweise hat ein derbes Männergesicht mit gefletschten Mundwinkeln, aus denen zwei große weiße Hauer herauskommen. An seinem Gewand in Braun, Rot, Blau oder Grün sind weiße Federn befestigt, in der Hand trägt er eine lange Holzstange, an deren Ende das Kalbsschwänzle baumelt. Die Figur blickt auf eine lange Geschichte zurück: Sie könnte nach Angaben der Narrenzunft Rottweil bereits vor dem Jahr 1700 entstanden sein.

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Hier ist die Fastnacht fast ehrwürdig

Diese lange Tradition ist dem gesamten Umzug in der Fastnachtshochburg Rottweil anzumerken. Die Narren hüpfen und springen in langsamem Tempo durch die historischen Straßen. Schalmeien, Guggenmusik oder auch die vielen selbst gebauten Wägen - in denen so manch andere, weniger traditionsreiche Zunft gerne mal junge Mädchen einsammelt - fehlen hier völlig. Rottweil ist stattdessen berühmt für eine historisch bedeutende, fast schon ehrwürdige schwäbisch-alemannische Fastnacht.

Der Narrensprung - bei dem jedes Jahr bis zu 4000 Narren durch das Schwarze Tor „d' Stadt nab“ laufen - beginnt auch an diesem Fasnetsmontag früh am Morgen: Bei eisigen Temperaturen und starkem Schneefall starten um 8 Uhr die Reiter mit ihrer Reichsstadtstandarte und die Stadtkapelle in historischer Tracht in den Umzug, ihnen folgen nach und nach die verschiedenen Figuren der Rottweiler Fastnacht mit ihrem Ruf „Hu-hu-hu-hu-hu“ durch das Zentrum der ältesten Stadt Baden-Württembergs.

Sonnenschirm muss vor Schnee schützen

Mit dabei ist beispielsweise der Gschellnarr, der ein weißes Gewand aus Leinen trägt, das mit dicker Ölfarbe bemalt ist. Die Maske aus Lindenholz - auch Larve genannt - ist nach Angaben der Zunft vom Barock geprägt und stellt ein feines Männergesicht dar. Die Figur des Schantle sieht schon deutlich freundlicher aus als der grimmige Federahannes: Auch er ist vermutlich im 17. Jahrhundert entstanden und trägt statt einem Besen oft einen Sonnenschirm - den konnte man bei Schnee und Kälte am Montag auch ganz gut brauchen.

Doch bei aller Tradition - brav sind auch die Rottweiler nicht: Immer wieder sieht man Zuschauer in die Luft springen, nachdem ihnen ein Narr die Mütze oder einen Handschuh geklaut hat. So mancher wird gleich von mehreren Federahannes' belagert und mit Kalbsschwänzle im Gesicht gekitzelt. Besser trifft es die Zuschauer, die das Lied der Rottweiler Narren auswendig können: „Narro, kugelrund, d' Stadtleut' sind wieder älle g'sund“, klingt es an vielen Stellen am Straßenrand. Soviel Treue wurde auch umgehend belohnt: Wer kräftig mitsang, bekam statt dem Kalbsschwänzle Süßigkeiten.