Rottweil Gemischte Gefühle zum Start
Schwarzwälder-Bote, 28.06.2012 21:00 UhrVon Bodo Schnekenburger
Rottweil. Im Jugendstilsaal im Rottenmünster begann dieses Jahr die Hochzeit für die Freunde der "Sommersprossen". Sie müssen sich auf ein strafferes Programm einstellen – und dürfen sich dennoch über ein spannendes freuen.
Jugendstilsaal bedeutet Kammermusik. Dort, wo Noten und Instrumente schon Zentralfelder der Fenster zieren, gab es gerade beim Rottweiler Klassikfestival schon manches musikalische Fest zu feiern. Daran anschließen sollte das Eröffnungskonzert der 45. Auflage, und eigentlich sprach auch nichts dagegen: Größere und wunderbare kleine Werke von Beethoven, Fauré und Debussy laden zum Entdecken ein. Johannes Goritzki (Cello) und Kalle Randalu (Klavier) stehen nicht nur für subtiles Spiel, für ein Aufspüren und sinnliches Präsentieren der vielen Kleinigkeiten, für die Vermeidung plakativer Gestik und Gestaltung, sie sind auch erfahren im Zusammenspiel, beherrschen das Wissen, was der andere wann wie machen wird.
Immer wieder wird an diesem Abend diese feine Kommunikation, die sich in nuancenreicher Interaktion äußert, spürbar. Um so deutlicher muss dagegen etwas anderes wirken. Gerade die genannten Qualitäten spielten Goritzki und Randalu zunächst kaum aus. So wirkten Beethovens Variationen über "Bei Männern, welche Liebe fühlen" und über weite Strecken auch die g-moll-Sonate Opus 5/2 eher kantig, fast ungelenk. Zumal gerade in der Sonate doch dieses kunstvoll gezähmte Feuer aufblitzen durfte, die Ausführenden ihre Instrumente singen ließen.
Anderes lag ihnen an diesem Abend mehr. Es sind eigentlich "nur" Miniaturen, doch sehr charmante, Faurés Duostücke, zumal Berceuse Opus 17 und "Papillon" Opus 77, und Debussys ungleiches Arabeskenpaar für Klavier solo. Da kam dieser Ausdruck langsam wieder, nicht der routinierte, sondern der selbstverständliche Vortrag. Und als Debussys d-moll-Sonate, die beseeltes Schwärmen mit verstörend schroffen monolithischen Klangfiguren konfrontiert, verklungen war, durfte sich das Publikum sicher sein: Die Qualitäten insbesondere einer kammermusikalischen Komposition herauszuarbeiten und bei aller Zurückhaltung selbstbewusst und stringent zu präsentieren, ist nach wie vor ein Fall für die beiden.


