Rottweil-Neukirch - Keine Frage, das Dorf ist ein Ort des Widerstands. Neukirch. Man sieht die Banner noch hängen: "Rette den Bitzwald!", steht darauf, die Schrift bereits ausgeblichen. Jetzt bräuchte das Dorf wieder einen Retter, einen für den Dorffrieden.

Der Kampf gegen das geplante Gefängnis im Bitzwäldle hat das rund 600 Einwohner zählende Dorf zusammengeschweißt. Diese Schlacht gegen den großen Bruder, die Stadt Rottweil, ist geschlagen und gewonnen. Dass hier überhaupt noch eine Vollzugsanstalt gebaut wird, daran glaubt kaum einer mehr.

Neukirch indes kommt nicht zur Ruhe. Dieser Konflikt ist alt, zwei Jahrzehnte, vielleicht noch älter. Keiner weiß das so genau. Doch er findet jetzt auch im Ort statt.

Auf der einen Seite steht ein Handwerksmeister, der auch als Leserbriefschreiber bekannt ist: Wolfgang Baur. Auf der anderen befindet sich die Stadtverwaltung, die sich immer wieder vorhalten lassen muss, was sie alles falsch mache. Beispielsweise bei Anbindung oder Erweiterung des Gewerbegebiets Eferen.

Baur ist ein streitbarer Zeitgenosse. Wegen des Bebauungsplanverfahrens im Gewerbegebiet Eferen bemühte er alle Instanzen. Zuletzt hatte er eine Petition im Landtag eingereicht. Diese war äußerst umfassend: Darin beschwerte er sich über die Ortschaftsverwaltung und den Gemeinderat. Er beschuldigte sie des "Missbrauchs des Ehrenamts", wandte sich gegen die Amtseinsetzung des Ortsvorstehers und die Wahl des Ortschaftsrats – und erhielt nicht Recht. "Der Petition kann nicht abgeholfen werden", hieß es im September 2010.

Doch erledigt hat sich die Angelegenheit damit nicht. Der Rottweiler Oberbürgermeister Ralf Broß hat für den Gemeinderat 2011 zusammengestellt, was da alles an Kosten und Aufwand zusammengekommen ist: mehrere Dutzend Aktenordner, 800 Stunden, zwischen 40 000 und 50 000 Euro an Kosten, so Broß. Das Verfahren war ein Jahr lang blockiert.

Doch das ist nicht das Thema. Das ist das (gute) Recht des Bürgers Wolfgang Baur.

Dessen Tatendrang bleibt ungebremst. Anlässe findet er genug. Sei es, dass der CDU-Fraktionssprecher als dienstältestes Mitglied im Gemeinderat verabschiedet oder das Gewerbegebiet Eferen an die Bundesstraße angeschlossen wird. Immer wieder prangert der frühere Ortschaftsrat "Amtsmissbrauch" an.

Dabei war es schon beinahe zu Ende gewesen, hatte sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Ortsvorsteher Walter Keller erinnert sich an ein Gespräch des damaligen Oberbürgermeisters Michael Arnold im Jahr 1997. Schon damals ging es um die Erweiterung der Firma Schwarz. Man habe diskutiert und habe anschließend in der "Rose" zusammen ein Bier getrunken. "Wir dachten, es ist alles in Ordnung". War es aber nicht. Drei Wochen später war der Burgfriede aufgekündigt.

Doch jetzt, so scheint es, hat der streitbare Bürger den Bogen überspannt. Die Klagen über ihn innerhalb des Orts häufen sich. Besorgte Eltern wenden sich an die Ortschafts- und Stadtverwaltung, vor Weihnachten suchte die Schulleiterin das Gespräch mit dem Oberbürgermeister.

Klar, immer mal wieder nervt Baur seine Mitbürger. Sei es, dass er gegen Baugenehmigungen vorgeht, oder zuweilen persönlich auf Baustellen auftaucht, um nach dem Rechten zu sehen.

Dieses Mal indes hat Baur Kinder und Eltern aufgeschreckt. Aus Kindergarten und Schule jedenfalls wird berichtet, dass die Kinder zuweilen verängstigt, teils weinend ankommen und nicht mehr an dem Haus des Handwerkers vorbeilaufen wollen. Vorwurf der Eltern: Wolfgang Baur, dessen Grundstück an der Hardtstraße, die zu Schule und Kindergarten führt, liegt, fotografiere sie. Für Broß, der zuletzt beim Ortsumgang mit Baur zusammenrasselte, ist das Thema Fotografie neu. Er hatte erst durch das Gespräch mit der Schulleiterin davon erfahren, und meint: "Das ist eine neue Dimension."

Jetzt wird gehandelt: In diesen Tagen soll es zu einem Gespräch kommen. Teilnehmer sind Vertreter von Schule, Kindergarten, Elternbeirat, Ortschaftsrat, Orts- und Stadtverwaltung sowie Polizei. Sie wollen ausloten, was man gegen Baurs Umtriebe unternehmen könne

Was Baur dazu sagt? Er habe in keinster Weise die Kinder fotografiert, stellt er es gegenüber dem Schwarzwälder Boten dar, sondern die täglichen Raser. Der Ortschaftsverwaltung seien "mehrmals die Kennzeichen der Raser, Namen, zu Hunderten mitgeteilt und gebeten, im Amtsblatt hinzuweisen, leider ohne Erfolg, da unehrenhaftes Rathaus."

Kaum vorstellbar, dass das Dorf schnell zur Ruhe kommen wird.