Musical: Droste-Hülshoff-Gymnasium führt "Cabaret" auf / Blick in das Berlin der 1930er-Jahre

Rottweil. Flotte Bienen, schillerndes Nachtleben und so manche Sünde zwischen Club und Straße – die Bühne im Festsaal der Gymnasien wurde zu einem Schauplatz der 1930er-Jahren. In diesem Jahr hatten die Musiklehrer Volker Welge und Bernadette Glöckler vom Droste-Hülshoff-Gymnasium das Musical "Cabaret" ausgewählt.

Welge freute sich besonders über den nachhaltigen Eindruck, den die DHG-Musicals wohl hinterlassen. So saßen nicht nur einige ehemalige Schüler im Publikum, sondern wirkten auch im Orchester und auf der Bühne mit.

Im Musical geht es um den amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw (Matthis Morhad), der nach Berlin reist und sich dort in die englische Sängerin Sally Bowles (Salome Ehrenberger) verliebt. Parallel finden seine Pensionsvermieterin Fräulein Schneider (Maxine Zähringer) und ein gewisser Herr Schultz (Gregor Keller) ihr Liebesglück. Besonders Zähringer stach bei der Aufführung mit ihrer gesanglichen Präzision und ihrem Ausdruck aus der Reihe der Darsteller hervor.

Während die Berliner zu Beginn von einer Party zur nächsten schweifen und ihre eigene Dekadenz feiern – sie singen "Money makes the world go around" – stellt die Verlobungsfeier von Schneider und Schultz einen Wendepunkt dar. Der Nationalsozialismus schleicht sich heimlich, still und leise in das Stück. Plötzlich ist er da – und verändert alles, was sicher zu sein schien.

Die Zuschauer erfahren, dass Schultz Jude und einer seiner Gäste, Ernst Ludwig (Ruben Keller), Nationalsozialist ist. Fräulein Schneider fürchtet daraufhin um ihre Arbeit und löst die Verlobung.

Doch nicht nur die Liebe des älteren Ehepaars hat unter den politischen Veränderungen zu leiden. Auch Cliff gerät in Konflikt mit den Nationalsozialisten und trägt Wunden davon. Er beschließt, Deutschland zu verlassen. Sally hingegen, verliebt in das Berliner Nachtleben, will bleiben. Trauriger Höhepunkt des Konflikts ist die Abtreibung des gemeinsamen Kindes. Cliff verlässt Berlin, ohne zu wissen, ob er Sally jemals wiedersehen wird.

Letztlich sind alle Opfer – keiner gewinnt. Aus dem Traum vom Überfluss und der Leichtigkeit ist Angst und Einsamkeit geworden. Wie sich die Dinge ändern können, zeigt vor allem die Schlussszene, in der die Menschen, mit denen Herr Schultz vorher fröhlich seine Verlobung gefeiert hat, ihn bis zum Bühnenrand treiben und "über die Klinge springen lassen".

Das Stück zeigt, wie die Nazis sich die lockere Moral der Berliner, auch verkörpert durch Fräulein Kost (Franziska Müller), die regelmäßig Matrosen bei sich übernachten lässt, zu Nutzen machen, um an die Macht zu kommen.

Was gerade noch Spaß war, wird binnen Sekunden bitterer Ernst. Das lässt sich auch musikalisch verfolgen. Die vom Ragtime und frühen Jazz inspirierte Musik bewegt sich zwischen Liedern der Leichtigkeit und der Desillusionierung. So freut sich anfangs der Conferencier (Nicholas Günthner) über seine "two ladies", Fräulein Schneider singt, dass sie sich nichts Besseres als eine Ananas vorstellen könnte und beschreibt, wie durch das Wort "Heirat" aus einem Erdgeschoss ein Märchenschloss werden kann.

Am Ende kommt von Schultz die Erkenntnis, dass sich alle wie Kinder verhalten, die tun, was sie glauben, tun zu müssen. Er verstehe die Deutschen, schließlich sei er einer von ihnen – eigentlich. Und Sally stellt die zentrale Frage: "Was hat Politik mit uns zu tun?". Die Antwort entsteht in den Köpfen der Zuhörer: Politik vermag es, Menschen zu verändern und Leben zu zerstören. Wie im "Cabaret" steckt hinter der schillernden Fassade eine bittere Wahrheit.