Rottweil - Während vor dem Spital die Einsatzfahrzeuge vorfahren, sitzt Annemarie Otec erwartungsvoll in der Cafeteria, bereit für die Reise in den Nägelesgraben. "Das wird schon", ist die 89-Jährige zuversichtlich. Und tatsächlich: Der Umzug des Altenheims klappt reibungslos.

Was an diesem Mittwochvormittag aussieht wie ein Katastropheneinsatz mitten in der Rottweiler Innenstadt, ist ein logistisches Meisterstück. Und ein beeindruckendes Beispiel für ehrenamtliches Engagement. 120 Helfer der DRK-Bereitschaften aus den Kreisen Rottweil, Tuttlingen, Konstanz und Villingen-Schwenningen sind im Einsatz, um die 95 Bewohner sicher in ihr neues Zuhause zu bringen – manche bettlägrig, manche im Rollstuhl, und manche gehen am Rollator hinaus aus dem alten Spital.

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"So früh aufstehen ist nichts für mich", schmunzelt Rolf Swietek, der sich, von zwei Helfern gestützt, langsam auf den Weg zum Einsatzfahrzeug macht. Um halb sechs war die Nacht zu Ende – die letzte Nacht im alten Spital. Zum letzten Mal gab es am gewohnten Platz Frühstück, jetzt kommt ein freundlicher Einsatzhelfer zu Rolf Swietek und scherzt: "Es geht los. Und sie haben Glück – sie dürfen mit mir fahren". Pflegedienstleiterin Isabella Hildbrand ist begeistert vom Engagement des DRK und ihrer eigenen Mitarbeiter, die seit Wochen alles für den großen Umzugstag vorbereiten.

Die Stimmung ist gut, alles geht strikt nach Plan, die Bewohner haben immer jemanden an ihrer Seite. "Wir fühlen mit und wollen, dass es allen gut geht", sagt Altenpflegerin Stefanie Hummel, während sie einer Bewohnerin die Hand hält. "Man weiß halt nicht, was kommt", zeigt sich eine alte Dame verunsichert. Viele aber freuen sich einfach "auf das Neue". Auf jeden wartet nun ein Einzelzimmer und ein eigenes Bad.

Derweil steht bei Michael Häring, DRK-Kreisbereitschaftsleiter, das Funkgerät nicht still. "Es läuft. Wir sind im Fluss", sagt er. Ihn freut besonders, dass jeder der Helfer ein Lächeln im Gesicht hat. "Alle haben heute eigentlich Urlaub", betont er. Trotzdem oder eben deshalb sind alle mit viel Engagement dabei und versuchen, den Bewohnern die Sorgen zu nehmen. Ärzte stehen bereit, einigen alten Menschen macht der Kreislauf deutlich zu schaffen.

Besonders bei der Ankunft im neuen Domizil ist die Verunsicherung groß, die Begrüßung fällt deshalb umso herzlicher aus. "Alltagsbegleiterin" Gabriela Wuhrer wartet an der Tür des "Spitals am Nägelesgraben" und umarmt die Neuankömmlinge. "Es ist schon wichtig, dass sie gleich ein vertrautes Gesicht sehen", weiß sie. Auch auf den Etagen warten die Mitarbeiter schon auf ihre Schützlinge. "Manche Bewohner sind schon ein bisschen durcheinander. Wir trösten, beruhigen und geben allen etwas zu trinken", sagt Tina Giacone, während sie im neuen Aufenthaltsbereich im ersten Stock von Tisch zu Tisch geht.

Auch Annemarie Otec ist inzwischen angekommen. Sie braucht erst mal ein bisschen Ruhe in ihrem neuen Zimmer mit Blick zum Innenhof. Ja doch, sie ist zufrieden. "Man hat ein Bett, einen Fernseher, was will man mehr", sagt sie. Mit 89 Jahren hat man eben schon manch anderes erlebt.