Von Lena Müssigmann Rottenburg-Ergenzingen. Die Eingemeindung nach Rottenburg habe zum Nachteil vieler Ortschaften stattgefunden, finden Kurt Stopper und Lothar Gugel, die als "Freie Bürger" in den 90er-Jahren die Kommunalpolitik aufgemischt haben. Sie sehen Ergenzingen mit dem Industriegebiet als Geldgeber, der wenig zurückbekommt.Die Gemeindereform liegt 40 Jahre zurück. Trotzdem beschäftigt sie Lothar Gugel (68) und Kurt Stopper (73) aus Ergenzingen noch immer. Es ist vor allem die Art und Weise der Meinungsbildung damals, die die beiden diskussionsfreudigen Männer auf die Palme bringt.

"Es wurden massiv Ängste geschürt", sagt Gugel. "Da wurde behauptet, die Leute könnten nicht mehr in die Tübinger Kliniken, wenn wir uns nicht nach Rottenburg orientieren", fügt Stopper hinzu, "das war natürlich totaler Quatsch." Und der drohende Zwang zur Eingemeindung all der Orte, die sich bis 1975 nicht entschieden hatten, störte ihn kolossal: "Das ist doch keine Demokratie, in der man jemanden zu so einem Schritt zwingt", sagt er. "Man hätte eine wunderschöne Gäugemeinde bilden können, aber das wurde alles zur Seite geschoben." Gugel hakt ein: "Jetzt sind wir das 17. Rad am Wagen."

Die beiden kommen bei dem Thema in Fahrt wie zu ihren besten Kommunalpolitiker-Zeiten. Sie saßen im Stadtrat für die Liste der "Freien Bürger", ein Sammelbecken für enttäuschte Mitglieder der etablierten Fraktionen, das Gugel mitgegründet hatte. Im Ergenzinger Ortschaftsrat hatten sie mit der Liste "Bürger für Ergenzingen" in den 90er-Jahren sogar ein Jahr lang eine Ein-Stimmen-Mehrheit.

Zu dieser Zeit gingen die beiden aufs Ganze, engagierten sich im Landesverband zur Korrektur der Kommunalreform in Baden-Württemberg. Darin haben sich Gemeinden gebündelt, die die Reform ungeschehen machen wollten. "Damals gab es die Tendenz, sich wieder zu lösen, denn als Ortschaftsrat hatte man ja nichts zu sagen", echauffiert sich Gugel. In politisch aktiven Zeiten waren die Gemüter noch viel stärker erhitzt.

"Wir haben uns, und auch die anderen, aufgeregt wie verrückt", sagt Stopper, "wir waren Rebellen." Die Überlegungen zur Loslösung von Rottenburg sind allerdings im Sande verlaufen.

Klaus Tappeser, ab 1995 Oberbürgermeister von Rottenburg, sagt über die Querköpfe aus dem Gäu: "Vom Selbstverständnis her waren sie Opposition." Das würde Gugel so nicht unterschreiben. "Wir haben nicht Politik gegen etwas, sondern für etwas gemacht", sagt er. Für die Ansiedelung von Dienstleistern im Ergenzinger Gewerbegebiet hätten sie besonders gekämpft. "Die Rottenburger wollten, dass wir zum Einkaufen zu ihnen kommen", sagt Stopper, "aber das sind jedes Mal 13 Kilometer." Heute sind mehrere Supermärkte im Gewerbegebiet angesiedelt. Eine Gemeinschaftsleistung, findet Tappeser, nicht nur ein Verdienst der "Bürger für Ergenzingen". Tappeser hat es geschafft, einen Ton zu finden, um die Widerspenstigen zu zähmen. "Mit ihm konnte man sprechen", sagen auch Gugel und Stopper. Tappeser sagt, er habe sondiert, was braucht die Stadt, und habe diese Aufgaben an die Ortschaften verteilt und zum Beispiel die Realschule in Ergenzingen gebaut.

Über Investitionen hat man sich in Ergenzingen immer gefreut. Schließlich entsteht in der Ortschaft ein großer Teil der Gewerbesteuereinnahmen für die Gesamtstadt. Ein politischer Gefährte aus den Reihen der "Freien Bürger" im Stadtrat sagt: "Die Ergenzinger stellen die Fläche für die Industrie zur Verfügung, dafür möchten sie auch ab und an ein Bonbon bekommen."

Trotzdem steckt der Stachel tief, die Frage "Was wäre wenn" geistert durch die Köpfe: "Bondorf ist so gut entwickelt, weil es eigenständig ist", sagt Gugel. "Früher war Bondorf im Gegensatz zu Ergenzingen ein Kuhnest, heute haben sie uns überholt." Die beiden sind nicht versöhnt mit der Reform, aber sie haben sich seit 2004 aus der Kommunalpolitik zurückgezogen. "Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen", sagt Gugel.

"So viel Eigenständigkeit wie möglich, so viel Zusammenhalt wie nötig", sagt Tappeser, sei sein Denken hinsichtlich der Teilorte gewesen. "Und in diesem Denken waren die Freien Bürger gute Partner." Er räumt ein, dass Rottenburg ohne das Ergenzinger Gewerbegebiet anders dastehen würde.

Aber nach wichtigen und unwichtigen Ortsteilen will er nicht trennen. "Das ist wie in einer Familie, es gibt nicht wichtige und unwichtige Mitglieder, sondern nur gleichberechtigte Mitglieder mit unterschiedlichen Aufgaben."