
Von Peter Morlok Rottenburg-Seebronn. Musik ohne Verfallsdatum – die Songs der goldenen Ära der Popmusik, gespielt von den Originalinterpreten dieser Zeit, das ist das Erfolgsgeheimnis von Rock of Ages (ROA). Das Festival lockte Tausende Rockfans nach Seebronn.Am Samstag gaben sich die Großen der Vergangenheit und die harten Jungs der Gegenwart die Klinke in die Hand. Dazwischen die Ladys aus der "Girlschool", die mit mächtig Frauenpower als eine der wenigen ernst zu nehmenden weiblichen Hardrock-Bands die Bühne rocken. Noch einen Zacken mehr legten wenig später die Jungs der schwedischen Formation "Treat" zu.
Die Stunde der Legenden schlug in der Night-Session. Den Anfang machten "Molly Hatchet", eine der größten Southern Rock-Bands der vergangen Jahrzehnte. Bobby Ingram spielte wie immer seine E-Gitarre mit der Inbrunst eines Besessenen und seine Show hat nichts am Drive der Vergangenheit verloren. Die Band bot volle 75 Minuten Südstaatenrock der Extraklasse und ließ sich dafür vom Publikum frenetisch feiern.
Zwischendurch nutzte Organisator Horst Franz die Gelegenheit, sich bei allen zu bedanken, die die etwas teueren Karten gekauft hatten, von denen der Mehrbetrag denjenigen zugute kommt, die sich das tägliche Essen nicht mehr leisten können. 2000 Euro gingen so an die Rottenburger Tafel. Neben dieser großzügigen Spende, zu der Franz persönlich einen großen Beitrag leistete, halfen auch alle Stars mit, die Not in Afrika ein wenig zu lindern. Sie unterschrieben alle auf einer besonderen Tafel, die am Ende der Veranstaltung verlost wurde. Nach dieser großen, caritativen Geste wurde es immer kultiger. Eric Bordon, der Grandseigneur der Rockszene, strotzte trotz seiner 70 Jahre fast vor Kraft und sang seine großen Erfolge – darunter auch das weltberühmte "House oft the Rising Sun" – mit der Überzeugung und Interpretationsfähigkeit einer lebenden Legende.
"Whiskey in the Jar", wer hat dieses alte irische Lied nicht schon mitgesungen. Wahrscheinlich fast jeder. Das ROA-Publikum hatte die seltene Gelegenheit, dies zusammen mit "Thin Lizzy" zu tun. Mit einem Feuerwerk an gitarrenlastigen Rock fegten die Iren – eingehüllt in die Farbensymphonie der Lichtanlage – über die Bühne.
Ersoffen die Helden vergangener Tage fast im Licht, so hielt sich der Headliner des Abends, die Berliner Band "The Bosshoss", lieber im Schatten der dunklen Beleuchtungstöne auf, überzeugten jedoch mit ihren recht eigenwilligen Country-Punk-Versionen, die sie innerhalb weniger Jahre zu den Chartstürmern dieses Genres überhaupt machten.
Bereits am Freitagabend kam mit Martin Turner der große Regen. Bei seinem zweiten Song öffnete der Himmel seine Schleusen und sorgte mit einem kräftigen Guss für echtes Woodstock-Feeling. Das störte aber die vielen Fans – etwa 5000 waren am Freitag gekommen – überhaupt nicht. Später war dann beim Auftritte von "Slade" ein Regenbogen über der Seebronner Wiese zu sehen. Ein Regenbogen, der irgendwie etwas Mystisches hatte und fast symbolisch den Bogen von 1964 – als "Slade" gegründet wurde – zum laufenden Festival spannte. Da spielte der zwischenzeitlich 65-jährige Dave Hill die Lead-Gitarre und hüpfte herum, als wäre er für ewig jung und Bandgründungsmitglied Don Powell arbeitete hinter einem riesigen Drumset, als wäre auch für ihn die Zeit stehengeblieben. "Slade" war präsent wie eh und je und bei ihrem Erfolgshit "My oh My" sang das gesamte Publikum mit.
Ion Anderson, der Flamingo-Flötist und seine Band "Jethro Tull" waren das Sahnehäubchen des Abends und der Spirit des Jethro-Tull-Klassikers "Locomotive Breath" stand über dem Gelände.
ROA 2011 ist nun Vergangenheit, wird aber in der Erinnerung der Fans weiterleben, denn es waren wieder einmal zwei Tage voller Musik. Dass diese immer ihre Hörer findet, zeigten unzählige Luftgitarristen, Dauerbierholer, Tänzer, Kinder an ihrem zweiten Ferientag und verliebte Pärchen, die zur riesigen, friedlichen Party gekommen waren.