Rottenburg Fast wie nach der schwäbischen Kehrwoche

Schwarzwälder-Bote, 17.08.2012 16:00 Uhr

Von Peter Morlok

Rottenburg. Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass Asylsuchende in das Haus "Weggentalstraße 77" einquartiert werden, war die Aufregung groß. Anlieger sahen Probleme auf sich zukommen. Sie befürchteten, dass die Enge im Haus die Bewohner aggressiv macht, dass sich das Leben überwiegend vor dem Haus abspielt. In Horrorszenarien sah man die Menschen schon Feste vor dem Haus feiern.

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Lärm und Dreck, ja sogar Kriminalität, war mit dem Einzug der Asylbewerber in den Köpfen der Menschen programmiert und selbst mehrere Gesprächsrunden konnten diesen Argwohn nicht völlig aus der Welt räumen.

Mit einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtes Sigmaringen, die besagt, dass das Haus mit maximal 40 Personen – nicht wie geplant mit 56 Personen – belegt werden darf, kam etwas Entspannung in die Geschichte.

Werner Vogt, der mit seiner Frau Rosemarie in Steinwurfweite vom Asylbewerberheim wohnt, betonte in einem Telefonat mit unserer Zeitung Anfang Juni, dass er "fast schon begeistert" von seinen neuen Nachbarn sei.

Wie geht es aber den Asylsuchenden selbst? Wie finden sie den neuen Platz, den ihnen das Land zugewiesen hat? Fragen, die am besten von den Betroffenen selbst beantwortet werden können und deshalb machten wir einen spontanen Besuch in Rottenburg. Dieser Besuch war weder angemeldet noch mit den Behörden abgesprochen, um eine unverfälschte Momentaufnahme zu bekommen.

Was auf den ersten Blick vorzufinden war, wich total von dem vorgezeichneten Bild ab. Keine Männer oder Gruppen vor dem Haus, Kinder tobten keine herum und von Dreck weit und breit keine Spur. Nicht einmal ein Papierfetzen war zu finden. Es sah rund ums Haus aus wie nach der schwäbischen Kehrwoche.

Der 33-jährige Syrer Ali Abdulkanim, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in einer abenteuerlichen Flucht aus seiner bürgerkriegsgebeutelten Heimat über die Türkei nach Griechenland floh und von dort nach Frankfurt kam, begründetet diese fast schon übertriebene Sauberkeit damit, dass man der unausgesprochenen Erwartungshaltung der Nachbarn nachkommen wolle.

Irgendwie spüre er, dass sie beobachtet werden – so versucht er die Atmosphäre, die ums Asylbewerberhaus herum herrscht, zu beschreiben. "Ja keine Fehler machen", lautet deshalb die Devise. Für ihn ist das aber überhaupt kein Problem, wie er betonte.

Genauso sah es der Iraner Khalid Azazee. Der 51-jährige Klimatechniker, ein gläubiger Baptist, floh aus religiöser Überzeugung mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn nach Deutschland, um hier Frieden zu finden. Dafür opferte er alle Ersparnisse und ließ sich von Schleppern über Kurdistan in die Türkei und von dort aus direkt nach Karlsruhe bringen. Für ihn ist seitdem alles toll.

Sogar das Essen aus den vorgegebenen Menüs schmeckt ihm. Zusammen mit seinem Sohn Khudr und Kollege Ali Abdulkanim bearbeitet er ein Stück Brachland, das ihm von der Landwirtschaft der nahe gelegenen JVA zur Verfügung gestellt wurde. Tomaten, Gurken und Minze wachsen dort bereits.

Er bewohnt mit seiner Frau ein einfaches Zimmer, der Sohn hat ein eigenes Zimmer und mit in der Wohnung lebt noch eine iranische Mutter mit ihrer minderjährigen Tochter.

Es sei alles friedlich, so sein Fazit. Er ist voller Dankbarkeit über all das, was er bisher in Deutschland erlebt hat. Am liebsten würde er jedem ständig vor Freude die Hand schütteln und sich für alles, was er bisher bekam, überschwänglich bedanken.

Er und seine Familie fühlen sich wohl in Rottenburg und auch die übrigen Bewohner der Weggentalstraße 77, sofern sie an diesem Nachmittag da waren, hinterließen einen recht zufriedenen Eindruck.

Mit dafür verantwortlich ist auch die Sozialarbeiterin Kirsten Modest, die zweimal die Woche direkt vor Ort ist und sich auch sonst intensiv um die Belange "ihrer" Asylsuchenden kümmert. Sie ist auch sicher, dass sich das Verhältnis zu den Nachbarn sukzessive verbessern wird.

"Mit jedem Brocken Deutsch, den die Leute lernen, kommt man sich ein Stück näher", so ihre Überzeugung. Derzeit fehlen noch die Worte. Aber wenn man die findet, könnte es doch noch ein Fest geben – gemeinsam mit den Nachbarn.

 
 
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