
Im Gesundheitswesen gebe es zwar auch viele Reformen und viel Geschrei von Lobbyisten, räumt Spitzer ein. "Aber da geht es nur um Geld." Inhaltliche Fragen, etwa ob eine neue Therapie sinnvoll ist, ab welchem Alter Brustkrebsuntersuchungen angebracht sind oder wie Rauchverbote wirken, würden dagegen nicht nach dem Bauchgefühl, sondern mit Hilfe von nachprüfbaren wissenschaftlichen Studien entschieden. Im Bildungsbereich müsse es genauso laufen, findet Spitzer: "Wie Kinder am besten lernen, ist eine Frage, die mit empirischer Forschung zu lösen ist." Statt zum Beispiel endlos zu streiten, wann der beste Zeitpunkt für den Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule ist, solle man lieber verschiedene Modelle ausprobieren, fleißig Daten sammeln und dann auswerten.
Von der berühmten Pisa-Studie und bloßen Leistungstests hält Spitzer allerdings nicht viel: Wie in der medizinischen Versorgungsforschung, die Krankenhausbetten zählt, schaue man da bloß nach, wer wo was wie macht. So könne man zwar Schwächen aufdecken, etwa die Leseschwierigkeiten von Immigrantenkindern, aber nicht herausfinden, wie der Unterricht zu verbessern sei: "Statistische Zusammenhänge sagen nichts über Ursachen und Wirkungen. Wirklicher Fortschritt kann aus dieser Ecke gar nicht kommen. Eine Sau wächst ja auch nicht schneller, wenn man sie täglich wiegt."
Das Hauptanliegen des Ulmer Neurowissenschaftlers ist, Ergebnisse der Gehirnforschung bekanntzumachen. Beispielsweise ist im Hirn der sogenannte Mandelkern das Angstzentrum: Er merkt sich furchterregende Sachen, lässt Puls und Blutdruck steigen und aktiviert den Körper für Abwehrreaktionen. Werden Dinge unter Beteiligung des Mandelkerns gespeichert, löst ein Abruf erneut Angst aus, und ein kreativer Umgang mit dem Material ist nicht mehr möglich. Genau der wäre aber zum Beispiel für mathematische Aufgaben nötig, schließlich kann man da die Lösungen nicht auswendig lernen. "Emotionen haben einen großen Einfluss auf Lernvorgänge", erläutert Spitzer: "Mathematik ist ein stark mit Angst belegtes Fach. Sehr viele Menschen verfallen beim Anblick einer Formel in eine Art intellektuelle Totenstarre."
Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass frühkindliche Bildung besonders große Effekte bringt, und zwar für den gesamten weiteren Lebensweg. Wer als Wolfskind in einer wenig stimulierenden Umgebung aufwächst und nicht bis etwa vier Jahren eine Sprache erlernt hat, wird sich danach kaum noch geistig entwickeln. Bis zu den Bildungspolitikern hat sich das aber noch kaum herumgesprochen; Kindergärten und Grundschulen sind - vorsichtig formuliert - keine Investitionsschwerpunkte. "Mancherorts wird sogar die Lehrmittelfreiheit abgeschafft", empört sich Spitzer. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kinder nicht zählen."
Bereits Babys mit Relativitätstheorie zu traktieren, bringt andererseits auch nichts, sagt Spitzer: "Sie lernen schnell, aber nur nebenher. Wenn sie irgendetwas Bestimmtes lernen sollen, tun sie sich schwer." Solange das Frontalhirn noch nicht ausgereift ist, blendet es zu komplizierte Dinge einfach aus. Die Gehirnzellen werden erst nach und nach verdrahtet. Während der Pubertät schalten sie dann mehr oder weniger ab, beziehungsweise sind mit internen Umbauten so beschäftigt, dass Schulunterricht kaum noch durchdringt. "Für 14-Jährige wäre ein Auslandsaufenthalt oder ein halbes Jahr am Fließband wahrscheinlich das Beste", vermutet Spitzer. Diese Phase geht allerdings vorbei. Im Prinzip ist der Mensch bis zum Tod neugierig: "Im Gehirn sind Lernen und Glück eng miteinander verknüpft."