Stuttgart - Für das Projekt Ausbildungschance hat der Finanzbürgermeister lange geworben, bis der Gemeinderat zustimmte. Vor knapp zwei Jahren ging es mit 60 Hauptschulabsolventen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Lehre gefunden hatten, an den Start. Vor kurzem hat in dem Projekt, das von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva) und der Caritas Stuttgart getragen wird, der zweite Ausbildungsjahrgang mit ebenfalls 60 Teilnehmern begonnen. Nun will Föll aus der Chance auf eine Ausbildung eine Garantie machen.

„Ohne die Ausbildungschance würde ich mich vermutlich weiter von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangeln oder in der x-ten Berufsvorbereitung stecken“, sagt Madeline von Lipinski. Die 22-jährige Stuttgarterin macht innerhalb des Projekts Ausbildungschance beim OBI in Feuerbach eine Lehre zur Fachlageristin und hat mittlerweile ihre Zwischenprüfung bestanden. Warum es ohne das Projekt nicht mit einem Ausbildungslatz geklappt hat? Die junge Frau zuckt mit den Schultern und weiß es nicht so recht. Vielleicht lag es an ihrem Notendurchschnitt von Drei. „Nach der soundsovielten vergeblichen Bewerbung war ich ziemlich traurig“, sagt von Lipinski – und hofft, dass sie ihre Ausbildung in diesem Frühjahr erfolgreich abschließt. „Im Betrieb klappt es gut. Aber in der Schule habe ich Lernschwierigkeiten“, gesteht sie.

Vergütet wird die Ausbildung pro Teilnehmer und Monat mit 350 Euro plus Fahrtkosten. Inklusive dieser Vergütung belaufen sich die monatlichen Kosten für das Projekt auf knapp über 1000 Euro pro Jugendlichem. Für die Stadt entsteht ein finanzieller Aufwand von 245 000 Euro pro Ausbildungsjahr. Das ist ein Drittel der Gesamtkosten. Die anderen zwei Drittel finanziert das Jobcenter. Die Kostenaufteilung entspricht dem Anteil der Belegung: 40 Jugendliche kommen vom Jobcenter ins Projekt, 20 Plätze werden von der Stadt über ihre Initiative Jobconnections belegt.

„Allerletzte Chance, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“

Von den 60 Teilnehmern aus dem ersten Ausbildungsjahrgang sind noch 42 Männer und acht Frauen zwischen 17 und 25 in dem Projekt. Fünf haben die Ausbildung abgebrochen, fünf wurden von ihrem Ausbildungsbetrieb aus dem Projekt raus übernommen. Sie machen jetzt eine reguläre Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ein Platz wurde nachbesetzt.

Die verbliebenen Teilnehmer haben ähnliche Probleme wie Madeline von Lipinski. „Sie sind bei der Lehrstellensuche gescheitert. Für sie ist das Projekt die allerletzte Chance, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Und das wissen sie“, sagt Eckhard Juwig, Ausbildungsleiter von der Caritas. 80 Prozent der Teilnehmer haben laut Juwig einen Migrationshintergrund. Trotz aller Probleme vor allem in der Anfangsphase mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sowie psychischen und sozialen Schwierigkeiten der Teilnehmer ist Juwig überzeugt, dass alle ihre zweijährige Ausbildung 2013 abschließen. Ausgebildet werden sie vor allem als Verkäuferinnen, Bauten- und Objektbeschichter sowie Fachlageristen. Wer ein Jahr dranhängt, schließt die Ausbildung sogar als Einzelhandelskauffrau oder -kaufmann, Maler oder Fachkraft für Lagerlogistik ab.

Isabel Lavadinho, bei der Stadt Leiterin der für das Projekt zuständigen Arbeitsförderung, bezeichnet die Ausbildungschance als „extrem erfolgreich“, denn die erwartete Erfolgsquote ist wesentlich vielversprechender als bei anderen Maßnahmen, die junge Menschen in Ausbildung oder Arbeit bringen sollen. Die liegt laut Jobcenter bei 30 Prozent. Deshalb soll das Projekt jetzt so weiter entwickelt werden, dass alle arbeitswilligen und -fähigen Hauptschulabsolventen eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz bekommen.

Finanzierung muss geklärt werden

Rückenwind gibt es von der Bertelsmann-Stiftung. Die empfiehlt, die Übergangssysteme wie Berufsvorbereitungsjahr zwischen Schule und Beruf durch staatliche Ausbildungsgarantien zu ersetzen. „Wir wären bundesweit die erste Stadt, die Jugendlichen, die sonst kaum Chancen haben, ein Ausbildungsplatzgarantie gibt“, sagt Lavadinho und ist von der Idee begeistert. Sie geht davon aus, dass die Ausbildungsplatzgarantie pro Jahr von bis zu 100 jungen Frauen und Männern in Anspruch genommen werden könnte. „Ob sie die notwendigen Ausbildungswilligkeit und -fähigkeit mitbringen, beurteilen die Ausbildungsexperten der Caritas und des Jobcenters.“

Die Finanzierung muss allerdings geklärt werden. Eine Möglichkeit zur Kosteneinsparung ist die Aufnahme des Projekts ins reguläre Schulsystem. Das soll nach Auskunft des zuständigen Regierungspräsidiums in Stuttgart zum Schuljahr 2014/15 passieren. Statt an der extra eingerichteten Schule der Eva in Feuerbach sollen die Auszubildenden dann an ausgewählten öffentlichen Berufsschulen unterrichtet werden. Denkbar sei es zum Beispiel, den Unterricht an der Berufssonderschule anzusiedeln, sagt Felix Winter, Referent für Berufsschulen beim Regierungspräsidium, und hält den Unterricht an öffentlichen Berufsschulen für die Voraussetzung dafür, das Modell auf Dauer zu etablieren.

Der Wirtschaftsausschuss im Gemeinderat hat dem Vorhaben bereits zugestimmt. Bis der Gemeinderat in diesem Jahr darüber endgültig entscheidet, soll ein Finanzierungsplan vorgelegt und das Land mit ins Boot geholt werden.