Polizeiruf 110 „Gut, dass man nichts über sie weiß“

Lisa Welzhofer, 15.04.2012 09:00 Uhr

Berlin - Ob als Erika Mann im Fernsehen, als Medea auf der Bühne oder Frau mit zwei Männern im Kinofilm „Drei“ – Sophie Rois spielt oft schwer durchschaubare Charaktere. Jetzt vertritt sie im „Polizeiruf: Die Gurkenkönigin“ Maria Simon.

Frau Rois, reizen Sie als Schauspielerin Familienabgründe?
Familie! Das ist eine gefährliche Zusammenballung gegenseitiger Abhängigkeiten und abgründiger Konflikte. Sie ist ein merkwürdiges Relikt, das uns zu schaffen macht. Da gibt es Schutz und Geborgenheit auf der einen Seite. Terror, Mord und Totschlag auf der anderen Seite.

Im Film steht das verlotterte Familiengefüge einer Spreewaldgurkendynastie in Kontrast zur bezaubernden, fast verwunschenen Landschaft des Spreewalds. Wie wirkt sich so eine Landschaft auf das Spiel aus?
Es war bezaubernd. Wie sich die Landschaft auf das Spiel auswirkt, vermag ich nicht zu sagen, aber in dieser Landschaft bei mildem Spätsommerwetter ist es leichter, die Nerven zu bewahren, bei vier Wochen Matsch und Kälte sieht die Sache schon anders aus.

Sie haben in einem Interview gesagt „Nur der Provinzler weiß die Segnungen der Großstadt zu schätzen“. Das müssen Sie mir genauer erklären.
Das ist ganz einfach, die soziale Kontrolle ist in der Großstadt nicht so eng, man hat die Möglichkeit, sich neu zu erfinden.

Ist die Provinz ein besonders fruchtbarer Nährboden für pathologische Beziehungen, wie sie auch der Film zeigt?
Ja, ja, ja. Es gibt diese Claude-Chabrol-Filme, die in der Provinz spielen. Als ich den fertigen „Polizeiruf“ gesehen habe, hat mich das sehr an seine Krimis erinnert.

Ist es nicht ein eher undankbarer Job, die Schwangerschaftsvertretung einer Kommissarin zu spielen?
Das war in diesem Fall eher ein reizvoller Job. Diese Kommissarin ist unbelastet. Tamara Rusch wird nicht in ihrem Privatleben gezeigt und muss ihre Probleme nicht abends mit einem langstieligen Rotweinglas in der Hand mit ihrem Freund besprechen. Darauf hätte ich keine Lust. Ich finde es gut, dass man nichts über sie weiß. Man kann nicht abschätzen, ist die so dämlich oder stellt die sich nur so. Das bleibt den Mutmaßungen des Zuschauers überlassen. Und ich finde es gut, wenn man als Schauspieler nicht anfängt, dem Publikum seine Figur zu erklären.

War es für Sie eine Hilfe, dass mit Horst Krause ein Urgestein der Serie an Ihrer Seite stand?
Auf alle Fälle. Ich habe vor über 20 Jahren mit Krause „Wir können auch anders“ gedreht. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Aber als er jetzt zur Tür hereinkam, war es, als hätten wir gestern noch Kaffee getrunken. Das liegt auch an seiner Art. Er weiß genau, was er möchte, wie er das gestaltet. Er hat auch immer eine genaue Vorstellung davon, wie eine Szene zu spielen ist. Man muss nicht immer mit ihm einer Meinung sein, aber ich habe ihn immer gefragt, und er hat mir oft gesagt, mach das doch so und so. Das war eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit. Und ich finde, wir sehen auch sehr gut nebeneinander aus. Das ist schön.

Auch modisch?
Ja, das macht mir besondere Freude. Ich gehe die Rollen ja sehr stark übers Kostüm an.

Sie haben einer Zeitung mal erzählt, dass Sie einen Mantel haben, in dem Sie sich wie Miss Marple fühlen. Kam der zum Einsatz?
Nein, obwohl diese Kommissarin schon eine Art Miss Marple ist. Die hat ja auch immer was Unbelastetes.

Der Stoff des Films ist so eine Art Liebeserklärung an starke Frauen . . .
Es ist lustig, dass Sie das Wort Liebe sagen. Während der Dreharbeiten dachte ich, dass sich diese Kommissarin irgendwie ein wenig in diese Gurkenkönigin verliebt. Weil sie so stark ist. Eine Patriarchin, die über Jahre eine Familie beherrscht, terrorisiert und nach ihrem Willen ausgerichtet hat, so wie das sonst oft nur Männer schaffen, also im Film.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Regionalkrimis sowohl in der Literatur wie im Fernsehen so beliebt sind?
Ich glaube, in dieser Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit, in der wir uns bewegen, wird das Regionale immer mehr gepflegt. Sowohl in der Küche als auch in Kulturprodukten. Weil es so eine Sehnsucht gibt nach Orientierung und Einfachheit.

Da gewinnt die Provinz wieder an Attraktivität.
Die Provinz hat bestimmt ihre guten Seiten. Ich maße mir da kein objektives Urteil an.
ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

 
 
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