
Konstanz - Byk Gulden, Altana, Nycomed, Takeda – der Pharmahersteller hatte schon viele Namen. Der jüngste Besitzer kommt aus Japan, für den Standort in Konstanz hat er fast keine Verwendung mehr. Für Bürger und Mitarbeiter ist das unbegreiflich.
Um das Leben von Menschen wie Ivo Vidovic umzuwerfen, genügten dem japanischen Pharmariesen Takeda wenige Sätze. „Nach strategischer Überprüfung will Takeda die Forschungsaktivitäten am Standort Konstanz nicht weiter fortführen“, teilte der Konzern mit, die dortige Nycomed GmbH verliere durch Schließung der Forschung und Verlagerung des Vertriebs „rund 700 Arbeitsplätze“. Dies hat der Nycomed-Beschäftigte Vidovic am 18. Januar erfahren. Seither spricht Wirtschaftsförderer Friedhelm Schaal von „einem schwarzen Tag“ für die Mitarbeiter, Konstanz und die gesamte Region. Selbst Betriebsratschef Rolf Benz glaubt nicht mehr, dass der Kahlschlag noch verhindert werden kann. Nur 150 Verwaltungs-Mitarbeiter bleiben. Doch kampflos akzeptiert Konstanz die Einschnitte nicht.
Der Wirtschaftsförderer
„Willkommen am Gratis-Fitnessgerät Treppe“. Friedhelm Schaal hat sein Büro im vierten Stock, eine Wendeltreppe schraubt sich bis unters Dach. Der 57-jährige mit den grauen Locken wirkt, als ob er der ans Geländer gepinnten Aufforderung zum Sporttreiben häufig folgt. Ein Erfolgsmensch. Auch mit Konstanz ging es dank Nycomed und seinen Vorgängerfirmen lange Zeit aufwärts. Mit knapp 1200 Mitarbeitern im Innen- und Außendienst ist Nycomed der größte private Arbeitgeber und ein wichtiger Gewerbesteuerzahler. Zu besten Zeiten nahm Konstanz mit 60 Millionen Euro doppelt so viel Gewerbesteuer ein wie vergleichbare Städte. Grund für den Geldsegen war der Erfolg des Wirkstoffs Pantoprazol bei Magenleiden, der in Konstanz entwickelt wurde. „Pantoprazol war für die Firma und für Konstanz ein Glücksfall“, sagt Schaal. Die Bande zwischen Stadt und Firma wurden immer enger: Zu Ehren von Byk-Gulden heißt die Straße am heutigen Nycomed-Areal nach dem Konzern, gemeinsam mit Altana gründete Konstanz eine Internationale Schule für Mitarbeiterkinder, Nycomed betreibt Sportsponsoring und eine Professur an der Universität.
Takeda hat die Bande zur Stadt zerschnitten, seit der Übernahme geht es nur bergab. Einen Besuch des Konstanzer Oberbürgermeisters Horst Frank am Takeda-Sitz in Osaka hat Konzernchef Yasuchika Hasegawa abgelehnt. Stattdessen ließ er Takeda-Manager vor Ort Allgemeinplätze über die kritischen Marktbedingungen für Pharmafirmen in Deutschland verkünden. Das offensichtliche Desinteresse der Japaner an den Konstanzer Beschäftigten empört den Wirtschaftsförderer. „Dem Konzern kommt es auf die Menschen nicht an“, klagt Schaal, „das ist mehr als grenzwertig.“ In einer Resolution vom 19. Januar hat der Gemeinderat seine Wut festgehalten, darin heißt es: „Nycomed und Takeda müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie einen traditionellen und erfolgreichen Pharmastandort allein finanziellen Interessen geopfert haben.“ Takeda hat für Nycomed 9,6 Milliarden Euro bezahlt – damit haben die Finanzinvestoren, denen der Pharmahersteller gehört hat, ihren Einsatz binnen fünf Jahren verdoppelt. Schaal: „Die Globalisierung ist in Konstanz jetzt mit allen Härten angekommen.“
Der Mitarbeiter
Ivo Vidovic arbeitet seit 16 Jahren für die heutige Takeda/Nycomed. In dieser Zeit ging es dem Forschungs-Mitarbeiter nicht darum, die Karriereleiter hochzusteigen – vielmehr hat er an seinem Arbeitgeber die menschliche Seite geschätzt. Zum Beispiel, dass die frühere Altana ihm und seiner ebenfalls dort beschäftigten Frau eine sehr flexible Betreuung ihrer Drillinge ermöglicht hat. Oder dass dem Konzern Weiterbildung wichtig war und er den Mitarbeitern Englischkurse spendiert hat. „Die Personalabteilung ist uns immer entgegengekommen, wir haben uns nie nach etwas anderem umgesehen“, sagt der 49-Jährige. Auch nicht, als Takeda 2011 den Zuschlag für Nycomed bekommen hat. Nach Jahren im Besitz eines Finanzinvestors empfand die Belegschaft den Aufkauf durch ein Pharmaunternehmen als Glücksfall. „Damals dachte ich, etwas Besseres kann uns nicht passieren“, sagt der vierfache Familienvater.
Inzwischen schreibt das Ehepaar jeden Abend Bewerbungen, bis heute begreift Vidovic nicht, „dass alle Arbeitsplätze plötzlich wertlos sein sollen. In der Forschungsausstattung ist der Standort Konstanz doch top.“ Der 49-Jährige trägt einen Dreitagebart über seinem Karohemd, er spricht leise und gehört nicht zu den Menschen, die andere für ihr Schicksal verantwortlich machen. Viel mehr als die eigene interessiert ihn die Zukunft seiner Kinder: „Wenn schon die Arbeitsplätze in der Forschung wegfallen – wo sollen sie dann einmal arbeiten?“ Es heiße doch immer, der Vorsprung Deutschlands bestehe im Wissen seiner qualifizierten Arbeitskräfte. Für Vidovic sind die mit einem Mal zu Konkurrenten geworden. „Ich weiß, dass sich drei Kollegen mit mir auf die gleiche Stelle bewerben“. sagt er, das sei kein gutes Gefühl. Vidovic weiß auch, dass es in der Nähe keine vergleichbare Arbeit gibt, „um so viele Menschen aufzufangen“.
Der Betriebsrat
Rolf Benz schläft wenig zurzeit. Oft sitzt er schon kurz nach 6 Uhr früh im Büro, auch um 20 Uhr hat er noch Termine. Dazwischen beantwortet der Nycomed-Betriebsratschef Dutzende E-Mails von Beschäftigten , telefoniert mit der Arbeitsagentur, berät im Betriebsrat die weitere Verhandlungstaktik und gibt der Presse Interviews. Die mehr als zwölfstündigen Arbeitstage nimmt der 54-Jährige klaglos hin, sein Ziel heißt, der Geschäftsführung einen möglichst würdevollen Abschied für die Beschäftigten abzuringen. Zwar gilt für die Konstanzer Belegschaft noch ein früherer Sozialplan – doch den will Benz „an möglichst vielen Stellen verbessern“. Das heißt: eine höhere Abfindung und die Möglichkeit zum Wechsel in eine Transfergesellschaft, zudem eine fünfjährige Jobsicherung für verbleibende Beschäftigte. Dem Betriebsrat ist klar: Nachdem schon 2007 beim Übergang von Altana zu Nycomed 800 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben, wird die Jobsuche dieses Mal für viele deutlich schwieriger.
In 30 Jahren als Betriebsrat hat Benz die meisten seiner Haare verloren, der Schnauzer ist grau geworden. Und die „sicherlich härteste Auseinandersetzung“ mit der Geschäftsführung steht erst noch bevor: Denn dieses Mal kämpft Benz nicht nur für eine bessere Zukunft der Belegschaft, sondern auch gegen ihr Vergessen – je mehr sich der japanische Takeda-Chef vom Schicksal der Menschen in Konstanz abwendet, umso lauter trommelt der Betriebsrat für ihre Interessen. Yasuchika Hasegawa kennen die Beschäftigten nur aus dem Internet, Rolf Benz hat nach der Hiobsbotschaft jüngst einen Protestzug durch die Stadt angeführt.
Mehr als 2000 Menschen sind mitmarschiert und haben die Firmenwerte von Takeda in japanischen Schriftzeichen anklagend vor Kameras gehalten. „Ehrlichkeit“ gehört dazu, „Fairness“ auch. „Ich kann es nicht mehr hören“, sagt Benz. Genauso wenig wie aus seiner Sicht halbwahre Begründungen zur Notwendigkeit des Jobabbaus. Zwar gebe es für forschende Pharmafirmen sicher bessere Bedingungen als in Deutschland – Takeda indes sei es von Anfang an nur um den Zugang von Nycomed zu den aufstrebenden Märkten wie China, Südamerika oder Russland gegangen. Dort setzt der Pharmahersteller fast jeden zweiten Euro um. Benz: „Takeda hat im Beipackzettel auch eine Forschungslandschaft vorgefunden, uns wollen die aber gar nicht haben.“
Die Erinnerung an eine solche Missachtung von jahrzehntelanger Leistung trägt der 54-Jährige wie ein Mal auf seiner Brust – „Takeda braucht Deutschland“, steht auf einem Button. Das Nycomed-Logo wird von einem Takeda-Schriftzug zur Hälfte verdeckt. „Ich fürchte, wir müssen bald einen neuen Button machen“, sagt Benz. Ohne Nycomed.
Die Region
Der Jobabbau ist Gesprächsstoff an Verkaufstresen und Stammtischen. „Dass ein lange Zeit so erfolgreiches Unternehmen zum Spekulationsobjekt wird, ist wirklich unschön“, sagt eine Mitarbeiterin in der Tiergarten-Apotheke. „Jeder kennt jemanden, der dort schon einmal gearbeitet hat.“ Wirtschaftsförderer Schaal glaubt, dass Einzelhandel und Gastronomie den Schwund an Beschäftigten bald an nachlassenden Umsätzen spüren werden. Zudem fürchtet er, dass mit den Menschen wichtiges Wissen in der Pharma-Industrie abwandert.
Zum Beispiel mit Mitarbeitern wie Ivo Vidovic. In seinem Wohnort, einer 3500-Seelen-Gemeinde nahe Konstanz, bieten sich die Nachbarn inzwischen als Kinderbetreuer an, damit das Ehepaar Zeit für Vorstellungsgespräche hat. Die Musikschule hat sich erkundigt, ob es Schwierigkeiten mit den Kursgebühren für die Kinder gibt, und Hilfe angeboten. „Das ist ein Paradies hier“, sagt Vidovic. Nur der Arbeitsplatz gehört nicht mehr dazu.
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