
Pforzheim/Stuttgart - "Wir arbeiten antizyklisch", sagt der Vorsitzende Richter am Landesarbeitsgericht in Stuttgart, Ulrich Hensinger. Will heißen: Wenn die Wirtschaft brummt, haben die Arbeitsgerichte weniger zu tun. Es sei denn, man ist am Arbeitsgericht Stuttgart in erster oder am Landesarbeitsgericht in zweiter Instanz. Dann hat man es nämlich mit Tausenden von IBM-Fällen zu tun.
Alle Kammern des Landesarbeitsgerichts haben bisher in allen Fällen entschieden, dass der Computer-Riese in den Jahren ab 2008 die Betriebsrenten rechtswidrig zu niedrig erhöht hat. Betroffen sind 20 000 Betriebsrentner. Sie alle müssen ihr Recht einklagen, weil IBM nach den Worten von Hensinger ein zeit- und kostensparendes Pilotverfahren ablehnt. "Die Firma untergräbt die Autorität der Rechtsprechung", heißt es in ungewöhnlich scharfen Worten seitens der Justiz. Das Verhalten der Firma stehe im Widerspruch zu den eigenen Ethik-Richtlinien.
Das muss Lenas Götz nicht kümmern. Er ist Pressesprecher des Arbeitsgerichts Pforzheim, und zwei Seelen schlagen in seiner Brust. Einerseits freut er sich wie sein Chef Hans Weischedel darüber, dass die Zahl der Eingänge von 3085 im Jahr 2009 und 2327 im Jahr 2010 auf 2172 im Jahr 2011 zurückgegangen ist. Abgearbeitet wurden 2191 – davon knapp 1500 durch einen Vergleich. 885 Verfahren waren innerhalb eines Monats erledigt. Doch da sagte man sich in Stuttgart wohl, wenn in Pforzheim weniger los sei, könne man die Zahl der Kammern von fünf auf vier reduzieren.
Das bedeutet für die verbliebenen Kollegen – der Richter der dritten Kammer wurde mit Wirkung zum 1. Januar zum Arbeitsgericht Stuttgart versetzt – trotz gesunkener Gesamteingänge individuell mehr Arbeit. "Verzögerungen bei der Terminierung ist aber nicht zu erwarten", sagt Götz. Ersatzlos gestrichen wurden alters- und mutterschaftsbedingt zwei weitere Stellen bei den Servicekräften. Bleiben noch zwei Servicekräfte übrig.
Aber es gibt Erfreuliches zu berichten: Pforzheim nimmt am Pilotprojekt des Landesarbeitsgerichts teil und zwar mit der modernsten Version einer Spracherkennungssoftware. Marktführer Nuance verspricht dreimal schnelleres Eingeben durch Sprechen statt Tippen. "Inspiration statt Administration" ist so ein Leitspruch oder "Begeistert selbst Technikmuffel". Die Versprechen seien nicht überzogen, schwärmt Landesarbeitsrichter Hensinger. Gewiss, früher, so vor drei, vier Jahren, da sei das Gerät schon in die Knie gegangen, wenn man ein Fenster geöffnet habe.
Heute lerne "Dragon Naturally Speaking 11.5" nach kurzem Beschnuppern von Mensch und Maschine sogar die korrekte hochdeutsche Wiedergabe gebruddelten badischen oder schwäbischen Zungenschlags. Und füttere man die Software mit ausgewählten E-Mails aus der Vergangenheit, erkenne das elektronische Helferlein stilistische Merkmale. Hensinger: "Das ist schon ein wahnsinniger Sprung, den die Technik da gemacht hat." In Pforzheim können Götz und Weischedel nur zustimmen.
Das Pilotprojekt dauert noch bis Ende Juni. Es ist davon auszugehen, dass Richter und Service-Teams mit ihrer Begeisterung nicht hinterm Berg halten werden. Dann liegt es am Justizministerium (und dem Finanzminister), ob die Spracherkennungssoftware die Regel wird.