Pforzheim Nordstadt ist ein schwieriges Pflaster für junge Menschen
Schwarzwälder-Bote, 30.08.2012 21:00 Uhr
Die Sozialarbeiter Martin Wetzel (stehend) und Kevin O’Shea schauen ihren Schützlingen beim Computerspiel über die Schulter.Foto: Schwarzwälder-Bote
Pforzheim. Die beiden Brüder, neun und elf Jahre, stehen am Kicker auf dem Pflaster vor dem ehemaligen Lokal am Landratsamt. "Noch vor einem halben Jahr konnte man sich nur schwierig mit ihnen verständigen", sagt der Leiter des Jugendtreffs Kevin O’Shea. Inzwischen sei die deutsche Sprache kein Problem mehr.
Die beiden Iraker gehören genauso zu seiner Klientel wie die zwei Heranwachsenden, die frisch aus dem Knast entlassen sind. Ein 19-Jähriger saß wegen Raub, ein 17-Jähriger wegen versuchten Totschlags. Beide fühlen sich im Treff zu Hause, sind Respektspersonen für die Jüngeren. Drinnen sitzen Jungs vor der Playstation.
20 bis 40 Kinder und Jugendliche verschiedener Nationen kommen unter der Woche täglich in den Treff. Insgesamt besuchen 100 Pforzheimer die Einrichtung. Die Jüngste ist fünf Jahre alt.
Der Treff gibt ihnen Halt in einem Viertel, das es jungen Pforzheimern schwer macht, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Die Zahl der Jugendgerichtshilfen und Hilfen zur Erziehung waren 2011 so hoch, dass der Gemeinderat beschloss, den Stadtjugendring dort zusätzlich zum Treff mit mobiler Jugendarbeit zu betrauen. Die sitzt mit zwei Sozialarbeitern im Büro gleich nebenan.
Den kurzen Weg schätzt O’Shea, etwa wenn ein Schulschwänzer bei ihm auftaucht, der intensive Hilfe braucht, oder ein Jugendlicher, der überschuldet ist. Denn die Beratung kann O’Shea nicht leisten und auch nicht Josephine Stemmer, seine Mitarbeiterin auf Honorarbasis.
Nur ein Raum und ein Mitarbeiter steht mittags in der Regel für die jungen Leute zur Verfügung. Da müsse er jede Bitte um ein längeres Gespräch oder auch mal Hilfe beim Schreiben einer Bewerbung ablehnen, bedauert O’Shea. Die Zusammenarbeit der beiden Einrichtungen und die Vernetzung im Viertel laufe gut, sagt Stadtjugendchef Hartmut Wagner. Die mobile Jugendarbeit habe in den vergangenen Monaten schnell Kontakt zu denen gefunden, die große Probleme haben.
Früher sei der Nordstadttreff mit 2,5 Stellen ausgestattet gewesen, heute mit einer 75-Prozent-Stelle, sagt Martin Wetzel. Er ist beim Stadtjugendring für das Haus der Jugend und für die fünf Treffs in der Stadt verantwortlich, bei denen noch Hauptamtliche zu finden sind.
Die Stadt habe die ehemals 14 Stellen in den vergangenen zehn Jahren auf 5,5 Stellen zusammengekürzt, sagt er. Früher habe der Treff mehrere Räume gehabt, in denen die Jugendlichen Musik machen und sich ausprobieren konnten. Das gehe heute räumlich und personell nicht mehr.
Was geht sind Aktionen: Ein Hip-Hop-Projekt, an dem Schüler der Schanz- und Nordstadtschule in den nächsten Wochen teilnehmen. Mädchen und Jungen, die in der Schule nur Negatives erlebten, könnten dabei zeigen, was sie besonders gut können.
Nicht weit vom Jugendtreff auf dem Pfälzerplatz gibt es an Wochenenden oft Trinkgelage, einschlägige Kneipen sind nicht fern. Schlägereien und Komasaufen gehören dazu. Wetzel weiß um die Problematik, kennt aber auch die Grenzen pädagogischen Tuns: "Jugendarbeit ist nicht dazu da, die Kneipenlandschaft zu befrieden." Klar sei aber auch: "Wenn wir einen zu einer Verhaltensänderung bewegen können, dann hängen da immer gleich noch weitere Freunde und Bekannte dran."



