Pforzheim Hausgeburten lösen heftigen Streit aus
Schwarzwälder-Bote, 09.12.2010 20:00 Uhr
Für Hebammen lohnen sich Hausgeburten nicht mehr. Viele Freiberufliche bangen um ihre Existenz. Jetzt legen sie die Arbeit für drei Tage nieder.Foto: Schwarzwälder-Bote
Pforzheim. In Pforzheim und Enzkreis legen freiberufliche Hebammen vom 10. bis 12. Dezember ihre Arbeit nieder. Ausgenommen sind Geburten. Die Frauen fordern eine angemessene Bezahlung.
Nur noch drei freiberufliche Hebammen bieten Hausgeburten an – die Versicherung ist zu teuer. Dazu gehört auch Margarete Wetzel. Nach 18 Jahren war Schluss. "Das habe sich nicht mehr gelohnt", sagt sie. Sie hat seit Jahren eine Gemeinschaftspraxis an der Westlichen-Karl-Friedrich-Straße.
Zehn Mal im Jahr war sie früher bei Hausgeburten zugange, manchmal dauerte der Einsatz bis zu 14 Stunden. Sie ist eine von 40 Freiberuflichen in Stadt und Enzkreis.
Lagen die Kosten für die Berufshaftpflicht 1981 bei 30 Euro, zahlen die Hebammen momentan 3700 Euro im Jahr, 1200 Euro mehr als im Jahr 2009. "Dafür müssten wir bei einer Pauschale von 548 Euro pro Geburt 6,5 Mal pro Jahr entbinden, bevor wir ans Geld verdienen denken können", sagt Anne Nixdorff-Schickle, Sprecherin des Kreisverbands des deutschen Hebammenverbands. Hatten 2009 noch sieben Kolleginnen die Hausgeburt angeboten, seien es jetzt nur noch drei. "Die werdenden Mütter werden bald keine Alternative mehr zum Krankenhaus haben," sagt Nixdorff-Schickle.
Der Hebammenverband Baden-Württemberg hat zum Streik aufgerufen. Landesweit legen die Hebammen bis zum 23. Dezember ihre Arbeit an unterschiedlichen Orten nieder. Danach wollen die Thüringer Hebammen weiterstreiken. Ein Stand in der Innenstadt an der Ecke Blumenstraße/Brüderstraße soll Freitag und Samstag von 10 Uhr bis 16.30 Uhr informieren.
Wetzel und Nixdorff-Schickle arbeiten in einem Beruf mit permanenter Rufbereitschaft und einer großen Verantwortung für Mutter und Kind. Sie müssen Geld für die Praxisräume, für ein Dienstauto und die Rente erwirtschaften. Sie halten einen Stundenlohn von 7,54 Euro Brutto für unangemessen. "Dafür würde sich keine Verkäuferin an die Supermarktkasse setzen," sagt Nixdorff-Schickle. Eine 40-Stunden-Woche bei einem zu versteuerndem Einkommen von jährlich 14 000 Euro – das gehe nur, weil ihr Mann berufstätig sei, sagt sie. Margarete Wetzel hat sich ihr Standbein vor einigen Jahren bei den "Frühen Hilfen", einem Modell-Projekt für Mütter mit Problemen, aufgebaut.
Für die Zeit des Streiks sind tagsüber Notfallpraxen im westlichen Enzkreis 0151/15 54 27 88, samstags 01704/81 78 70, im östlichen Enzkreis 0177/8 81 96 41, sonntags 0703/3 60 20 und in der Stadt 07231/14 05 15 besetzt.



