Pforzheim/Enzkreis. Die Menschen werden älter, sind weniger in die Familie eingebettet – folglich steigt die Zahl der Pflegeheime. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Fachkräfte in besorgniserregendem Ausmaß. Und zu allem Überfluss kommt die überbordende Bürokratie dazu. "Früher hatten wir Altenpfleger – heute Aktenpfleger", sagt Stefan Hofsäß, Chef des Heims am Hachel, eines von 25 Mitgliedern im Arbeitskreis der Heim- und Pflegedienstleitungen Pforzheim und Enzkreis.

Sie müssen zuspitzen, sonst werden sie nicht gehört. Von der Ombudsfrau im Bundesministerium für Gesundheit, Elisabeth Beikirch, beispielsweise. Sie ist vom Fach und kümmert sich als Einzelkämpferin gegen Verbandsinteressen und Lobbyisten – zum Wohl der Bewohner um die Entbürokratisierung der Pflege. Eine Herkulesaufgabe. Vor einigen Wochen haben sie vom Arbeitskreis ein mehrseitiges Memorandum geschrieben. Nach einem Besuch in Hanau kam Beikirch nach Pforzheim, nahm sich tatsächlich vier Stunden Zeit und diskutierte mit Mitgliedern des Arbeitskreises. Was sie hörte, war in etwa die Zusammenfassung der wichtigsten Themenbereiche, die sie überall zu hören bekommt, wenn sie an die Basis geht.

Doppelprüfung durch Heimaufsicht (zuständig sind die Innenministerien der Länder) und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK): Beide Prüfinstanzen kommen einmal im Jahr – unangekündigt und überprüfen maximal 15 Bewohner, deren Akte als auch nach intensivem Augenschein. Das kostet Zeit – und bindet Personal, das anderweitig abgezogen werden muss, um sich wie gewohnt um die Bewohner kümmern zu können. Um sich auf die Revision organisatorisch vorbereiten zu können, fordern die Heime, dass die MDK-Prüfungen am Vortag der Begehung angekündigt werden. Es gehe nicht darum, bei Nacht und Nebel noch irgendwelche schönfärberischen Mittel zu ergreifen, sagt Hofsäß, "das wäre in der Kürze der Zeit gar nicht machbar".

Kompetenzerweiterung der Pflegefachkräfte: Die Heime sehen nach den Ausführungen des Arbeitskreises ein, es sei unbedingt erforderlich gewesen, dem Missbrauch von pflegebedürftigen Menschen vorzubeugen, sie vor Misshandlungen zu schützen – unter anderem durch eine umfassende Dokumentationspflicht. Doch der Bogen sei überspannt worden. Es herrsche gegenüber den Pflegefachkräften ein Klima des Misstrauens. Die tägliche Arbeit entwickle sich dahingehend, dass die Fachkräfte mehr und mehr damit beschäftigt seien, sich rechtlich abzusichern.

Einzige Rettung: Die Ärzte beschweren sich beim Ministerium, dass sie mit solchem Kleinkram aufgehalten werden, der zu Lasten ihrer Patienten unnötig Zeit kostet. Vorschlag der Heime: das Zusammenstellen einer Liste mit Medikamenten und Salben, die die Pflegefachkräfte ohne ärztliche Anordnung verabreichen dürfen. Außerdem kann man sich ein System der regelmäßigen Weiterbildung vorstellen.

Inkontinenzabrechnung: Hier schlagen die Heimleiter besonders verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen. Rund drei Viertel aller Heimbewohner leiden unter Inkontinenz und benötigen dementsprechende Hilfsmittel. Die Abrechnung mit den Kassen wird pro Quartal vorgenommen. Jetzt wird es kompliziert: Für dieselbe Leistung müssen – am Beispiel Heim am Hachel mit seinen 210 Plätzen, davon 178 inkontinente Bewohner – mit 13 Krankenkassen drei verschiedene Monatspauschalen abgerechnet werden. Hinzu kommt, dass privat Versicherte mit einem separaten Satz abgerechnet werden müssen.

Pflegedokumentation: Hier gehörten typisch deutsche Zöpfe abgeschnitten und endlich dem Beispiel der Weltgesundheitsorganisation mit nur wenigen Schritten von der Information zur Maßnahme gefolgt, statt "Probleme zu erkennen und Ressourcen zu finden", über "Ziele festlegen", "Maßnahmen bestimmen", "Maßnahmen durchführen" und "Ergebnis überprüfen".