Stuttgart - Vor dem Sitzungssaal im Rathaus haben sich am Freitagmorgen über hundert Schwestern aus dem Kinderkrankenhaus Olgahospital versammelt. Sie wollen auf ihre Situation aufmerksam machen, die sich seit mindestens zwei Jahren immer mehr verschlechtert und wegen der enormen Arbeitsüberlastung inzwischen sogar in Einzelfällen zu „Gefährdungssituationen“ für die kleinen Patienten geführt habe. „Wir Beschäftigten in der Pflege arbeiten wie in einem Hamsterrad“, heißt es warnend auf einem Flugblatt. Überstunden und Arbeitshetze würden die Mitarbeiter krank machen und in einen „Teufelskreis“ münden.

Wie der Arbeitsalltag der Schwestern im Olgahospital inzwischen aussieht, schildert Anita Schmid, stellvertretende Stationsleiterin in der Kinderonkologie, vor den Stadträten unverblümt: „Der Personalengpass führt zu einer unzureichenden Pflegequalität.“ Säuglinge würden zu spät ihr Fläschchen bekommen, Schmerzmittel und Antibiotika zu spät verabreicht. „Die tägliche Arbeit bringt die Mitarbeiter an die psychische und physische Leistungsgrenze.“ Und: „Das System ist am Kollabieren.“ Um in dieser Situation die Versorgung der Patienten zu gewährleisten, hätten immer wieder Betten geschlossen werden müssen.

Seit Jahresbeginn 53 Kinder abgewiesen

„Von den 109 Betten sind 19 geschlossen“, sagt Oberarzt Eberhard Maaß. Teilweise sei die Lage sogar schlimmer, ergänzt Professor Stefan Bielack. Nach seiner Rechnung mussten in der jüngsten Vergangenheit zeitweise bis zu 38 Betten geschlossen werden.

Eberhard Maaß erinnert daran, dass die Berufsgruppe der Oberärzte die Klinikleitung und die Geschäftsführung seit Monaten auf die sich verschärfende Situation hingewiesen habe. Geschehen ist kaum etwas: „Das Olgäle verliert für alle Berufsgruppen den Ruf eines attraktiven Arbeitsplatzes.“

Die Folgen des Personalengpasses haben die kleinen Patienten und deren Eltern zu tragen. Seit Jahresbeginn mussten mangels verfügbarer Betten 53 kranke Kinder abgewiesen werden, sagt Bielack. Zudem müssten oft fest geplante Operationen verschoben werden. „Ein Junge konnte erst beim vierten Termin operiert werden“, sagt Maaß.

Die Folgen der misslichen Situation bekommt das Olgahospital bereits zu spüren. Die niedergelassenen Kinderärzte in Stuttgart überweisen ihre Patienten inzwischen vermehrt an Fachkliniken der Region, zum Beispiel nach Esslingen, Ludwigsburg, Böblingen, Waiblingen oder an die Filderklinik.

Auch den groß angekündigten Patientenbegleitdienst „gibt es nicht“

„Nach einer Umfrage haben 43 Prozent der Kollegen ihre Einweisungspraxis geändert“, sagte Dr. Thomas Jansen, Sprecher der Stuttgarter Kinderärzte, im Ausschuss. Akutfälle, die keine Maximalversorgung benötigten, würden „vermehrt in andere Kliniken überwiesen“. Und: „Die aktuellen Pro­bleme am Olgahospital lassen sich nur lösen, wenn sich die Stadt und die Klinikleitung hinter das Personal stellen“, sagt Jansen.

Einig sind sich der verantwortliche Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle, die Stadträte, die Mitarbeiter im Olgahospital und die Kinderärzte darin, dass die unzureichende Finanzierung der Kinderkliniken durch die Kassen das Hauptproblem ist. Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt für Kinderpflegekräfte sehr ausgedünnt ist.

Jürgen Lux, Vorsitzender Personalvertretung im städtischen Klinikum, weist auch auf hausgemachte Probleme hin. So seien zehn Pflegestellen mit dem Hinweis gestrichen worden, als Ersatz einen Springerpool für Schwestern zu schaffen. „Dieser Pool ist aber ein Nirwana, um das sich niemand kümmert.“ Auch den groß angekündigten Patientenbegleitdienst „gibt es nicht“. Dadurch würde die Pflege zusätzlich belastet.

„Wir wollen weniger Ressourcenvergeudung durch alltägliche Mangelverwaltung“, fasst Chefarzt Bielack die Lage zusammen.