
Von Steffi Stocker
Ostelsheim. "Wenn jemand den Korb mit Bügelwäsche vor die Türe stellt, nehme ich ihn auf meinem Weg mit". So lautete eine der Nachrichten auf dem Anrufbeantworter von Gisela Jung. Gerührt erzählt die Kirchengemeinderätin aus Ostelsheim, wie der ganze Ort sich derzeit um sie kümmert.
Ganz im Gegenteil zu ihrer Krankenkasse, wie die Patientin berichtet. Von deren Seite aus sei erst nach zwölf Tagen in Erwägung gezogen worden, eine Haushaltshilfe zu bewilligen. Anfang Dezember war die Ostelsheimerin so unglücklich gestürzt, dass beide Radiusköpfchen in den Ellbogen brachen. Zwar kam Jung aufgrund so genannter glatter Meiselfrakturen um eine Operation herum. Doch damit die Brüche ausheilen können, wurden ihr beide Arme von der Handinnenfläche bis hinauf zum Oberarm eingegipst.
Für mindestens sechs Wochen ist sie deshalb stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und kann sich nicht einmal selbst die Zähne putzen oder Medikamente einnehmen. "Es war klar, dass ich Hilfe brauche für die tägliche Versorgung", sagt Jung, die umgehend Kontakt mit ihrer Krankenkasse aufnahm. Der Hausarzt hatte ihr ein Attest ausgestellt. "Doch die AOK gab mir zu verstehen, dass ich keinen Anspruch mehr auf eine Haushaltshilfe habe, da meine Töchter nicht unter zwölf Jahre alt sind. Vielmehr sollte eine der beiden doch Urlaub nehmen, um mich zu versorgen", berichtet Jung. Eigentlich habe sie bisher gute Erfahrungen mit ihrer Krankenkasse gemacht, doch diese Haltung habe sie entsetzt, zumal ihr alternativ geraten worden sei, für die Zeit der Genesung auf eigene Kosten in ein Pflegeheim zu gehen. "Es kann einfach nicht wahr sein, dass Menschen so allein gelassen werden", bemängelt Jung zudem, dass der Sozialdienst entgegen seines Auftrags, sie zu beraten und nach einer Lösung zu suchen, sich nicht einmal ein Bild von der Situation machte.
Nach anfänglich sehr emotionalen Auseinandersetzungen hat die Krankenkasse dann doch noch ein Angebot gemacht. "Dabei handelt es sich um eine Satzungsmehrleistung, die ihr eine Haushaltshilfe in den kommenden vier Wochen gewährt", erklärte Martin Kalmbach im Gespräch mit unserer Zeitung.
Verweis aufgesetzliche Vorgaben
Zwar räumt der Dienststellenleiter der Calwer AOK-Geschäftsstelle die Ausnahmesituation Jungs ein, verweist jedoch auf den gesetzlichen vorgegebenen Rahmen. Bei der jetzt gewährten Unterstützung ist die Gabe von Medikamenten oder Hilfe bei der Körperpflege der Patientin nicht vorgesehen. "Die Politik hat eine Absicherung in solchen Situationen nicht berücksichtigt", sagte Kalmbach.
Unterdessen hat sich um Jung herum ein Netzwerk aus hilfsbereiten Ostelsheimern gebildet. "Was machen Menschen, die nicht auf diese Weise integriert sind?", fragt sie sich jetzt. "Weihnachten ohne Brödle und Dekoration ist zu verkraften, aber als Gemeinde müssen wir daraus lernen, keinen Menschen aus dem Blick zu verlieren", fasst sie ihre Erfahrungen der letzten Wochen zusammen.