Offenburg Angst vor der Anzeige

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Nach einer Vergewaltigung haben viele Opfer Angst vor einer Anzeige. Foto: Symbolfoto: Stratenschulte

Offenburg - Nach einer Vergewaltigung haben viele Opfer Angst vor einer Anzeige. Eine gründliche medizinische Untersuchung und Versorgung ist aber notwendig. Im Ortenau-Klinikum gibt es deshalb das Angebot der vertraulichen Spurensicherung.

Im Falle einer Vergewaltigung oder bei anderen sexuellen Übergriffen sollte zuerst zur Polizei gegangen werden. Allerdings sind die Opfer nach der Tat oft verwirrt, ängstlich und eingeschüchtert. Das führt dazu, dass viele erst abwarten, bevor sie zur Polizei gehen. Dann gibt es jedoch oft keine Spuren mehr und eine Anklage gegen den Täter ist schwer. Seit 2012 gibt es in der Frauenklinik Offenburg Ebertplatz allerdings die Möglichkeit, dass die Opfer direkt in die Klinik kommen, ohne vorher eine Anzeige bei der Polizei stellen zu müssen.

"Die Folgen einer Vergewaltigung müssen versorgt werden, denn dabei handelt es sich um einen medizinischen Notfall", erklärt Michael Schröder, warum es dieses Angebot der Spurensicherung ohne Anzeige gibt. "In erster Linie ist es wichtig, dass die Opfer untersucht werden. So kann eine mögliche Infektionsprophylaxe begonnen werden oder auch eine ungewollte Schwangerschaft verhindert werden", erläutert Schröder die Problematik. Beispielsweise wenn bei einem Täter von einer HIV-Infektion ausgegangen werden kann, müsse möglichst sofort mit der Einnahme der Medikamente begonnen werden.

Die Ärzte kümmern sich um die Verletzungen und sichern dabei die Tatspuren, ohne die Polizei in Kenntnis zu setzen. Eventuell vorhandene DNA-Spuren oder Fotos von Verletzungen werden aufbewahrt. "Ob für fünf Tage oder fünf Jahre, die Beweise werden bei uns gesichert", so der Frauenarzt. Nach zehn Jahren werden diese jedoch vernichtet. "Das hat hauptsächlich logistische Ursachen." Mit einer Lagerzeit von zehn Jahren sei man jedoch weit oben angesiedelt. Es gebe Projekte, die die Beweise nur für ein Jahr aufbewahren.

"Wenn das Opfer in dieser Zeitspanne zur Polizei geht und eine Anzeige macht, kann es dort auf die gesicherten Spuren hinweisen und die Klinik von ihrer Schweigepflicht entbinden", erläutert Schröder den Ablauf. Die Polizei kann dann die Ermittlungen aufnehmen. Wenn sich ein Opfer eines sexuellen Übergriffs entscheiden sollte, direkt zur Polizei zu gehen, dann ist der Ablauf ähnlich. "Die Opfer gehen dann zuerst zur Polizei. Diese bringt sie dann in die Frauenklinik zur Spurensicherung."

Mehr Bedenk- und Beratungszeit für Opfer

"Mit dem neuen Weg wollen wir keinesfalls verhindern, dass es zu einer Anzeige kommt, denn diese Straftaten sollen verfolgt werden", stellt Schröder klar. Im Gegenteil hoffe er, durch die zeitliche Entzerrung mehr Opfern helfen zu können und sie zur Spurensicherung zu ermutigen. "Wir sind zuversichtlich, dass sich mehr Opfer nach ausreichender Bedenk- und Beratungszeit zur Anzeige entschließen, damit die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können."

Opfer seien besonders im Konflikt, wenn es sich beim Täter um jemanden aus dem sozialen Umfeld handelt. "Die Polizei muss in einem Sexualdelikt weiter ermitteln, selbst wenn die Anzeige zurückgezogen wird", das führe bei vielen dazu, dass sie die Tat nicht anzeigen, meint der Arzt. Im Jahr seien es etwa 20 Fälle, in denen es zur Spurensuche komme, stellt Schröder die Zahlen vor. Diese Zahl schwankt von Jahr zu Jahr jedoch. In etwa acht Fällen würde es vertraulich, ohne Polizei, ablaufen.

Im vergangenen Jahr sei in zwei Fällen das Beweismaterial abgeholt worden – auch eine hohe Dunkelziffer gebe es, ist sich der Arzt sicher. "Für uns Ärzte bedeutet es, dass dies keine Routineuntersuchung ist", so Schröder. Bei etwa 20 Frauenärzten am Klinikum könne es somit vorkommen, dass es jeden einmal im Jahr treffe.

"Deshalb bitten wird darum, dass Betroffenen immer direkt in die Frauenklinik nach Offenburg kommen und nicht zuerst in andere Kliniken des Ortenau-Klinikums gehen", erklärt Schröder. Dort seien alle Materialien vorhanden für die Untersuchung und genug Zeit für die Beweissicherung müsse man sich auch nehmen. "Opfer können jederzeit in die Klinik kommen. Sie ist 24 Stunden geöffnet."

Eine besonders tragische Situation bedeute es, wenn die Untersuchung bei einem Kind stattfinden muss, sagt der Arzt. "Bei Kindern soll eine Re-Traumatisierung verhindert werden. Das heißt, wir müssen im Gespräch mit dem Kind und den Eltern oder Vertrauten zuerst erfahren, wie lang der sexuelle Übergriff zurückliegt", stellt der Arzt die Maßnahmen vor. Die Untersuchung brauche Zeit und sei für die Opfer nicht leicht. "Bevor das Kind dem ausgesetzt wird, muss geklärt werden, ob der Übergriff kurze Zeit oder bereits zwei Wochen zurückliegt", macht Schröder deutlich. Ansonsten würde die Klinik auch eng mit der Kinderschutzambulanz zusammenarbeiten, die sich auch in Offenburg befindet. Mit deren Fachleuten sei die Spurensicherung nach Vergewaltigung oder sexuellem Übergriff ebenfalls in Kontakt.

Um den Opfern auch nach der Untersuchung helfen zu können, machen die Klinikmitarbeiter auch auf die regionalen Beratungsstellen aufmerksam. Dazu gerhören beispielsweise der Vereine Aufschrei, Frauenhorizonte (Gegen sexuelle Gewalt) und der Weiße Ring.

  
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