
Von Hans-Dieter Wagner
Oberndorf. Nicht nur für die Fans, auch für die Künstler und Veranstalter ist es der Super-GAU schlechthin, wenn einem Sänger die Stimme wegbleibt. An die 400 Fans von Ray Wilson erlebten dies hautnah am Mittwochabend in der ausverkauften Klosterkirche in Oberndorf. Nach knapp einer Stunde, in der Ray Wilson mit seiner Band und vier Streichern des "Berlin Symphony Ensembles" das Publikum mit Songs aus "Genesis Klassik on Tour" begeistert hatte, versagte ausgerechnet das Organ des Sängers, weswegen die vielen Liebhaber seiner Musik nach Oberndorf gekommen waren, seine wundervolle einprägsame Stimme. Wollte Wilson das Konzert ursprünglich abbrechen, einigte sich der "Krisenstab" unter Leitung von Kulturamtschef Hans-Joachim Ahner letztendlich auf einen Kompromiss. Die Musiker wollten den Abend instrumental zu Ende bringen, um die vielen Zuhörer, denen man die Rückgabe ihrer Eintrittskarten zugesichert hatte, nicht allzu sehr zu enttäuschen. Das sehr faire und verständnisvolle Publikum respektierte die Entscheidung des Sängers, und anstatt der in solchen Fällen oft gehörten Pfiffe gab es Beifall.
Kein einziger Fan verließ die Klosterkirche, und alle taten gut daran, sie hätten sonst den Auftritt von zehn Vollblutmusikern, die den Ausfall ihres Frontmanns perfekt kompensierten, verpasst. Sie ließen ihn nicht vergessen, nein, dazu ist Ray Wilson ein zu großer Künstler, aber sie boten den Zuhörern trotzdem etwas Besonderes. Was die Menschen nach der Pause erwartete, war nicht ein stereotypes instrumentales Herunterspielen alter Genesis-Titel. Die Band bewies Professionalität und präsentierte sich mit den vier Streichern als musikalische Einheit der Extraklasse. Mit seinem Bruder Steve, dem Gitarristen Ali Ferguson, Lawrie MacMillan am Bass, dem Schlagzeuger Ashley MacMillan und dem überragenden Pianisten Filip Walerc hat Wilson geniale Musiker um sich geschart, die im Zusammenspiel mit den Violistinnen Kristin Sy, Nora Bösel, Ivonne Fechner und dem Cellisten Tobias Unterberg die ehrwürdigen Mauern der Klosterkirche fast zum Wackeln brachten.
Steve Wilson bewies, dass er nicht nur ein begnadeter Gitarrist, sondern auch in der Lage ist, das Publikum mit seiner Stimme zu faszinieren. Zwar schien er nicht immer ganz textsicher, aber Ray Wilson lieferte einen tollen Part als Souffleur ab. Leichtes Bedauern beim Publikum, dass Ray ausgerechnet "Change", einen Song aus seinem eigenen Repertoire, nicht selbst singen konnte, aber die Interpretation des Hits aus dem Jahr 2003 durch die Band machte ihn zu einem der Höhepunkte des Abends. Während Ferguson, der seine Begeisterung für Pink Floyd auch auf der Bühne nicht verbergen kann und will, mit deren Superhit "Wish you where here" dem Publikum Beifallsstürme entlockt wurden, ernteten Steve Wilson und die Band "Standing Ovations" mit Bob Dylans "Knockin on Heaven’s Door".
Welch großartiges Musikereignis hier geboten wurde, beweist auch die Tatsache, dass nur sehr wenige Zuhörer vom Rückgaberecht ihrer Karten Gebrauch machten.