Von Alicja Bienger

Oberndorf. Wenn Kinder in der Schule unruhig sind, sich nicht konzentrieren können und dadurch den Unterricht stören, werden sie von den Mitschülern häufig ausgegrenzt und von den Lehrern unter Druck gesetzt. Oftmals lautet die Diagnose dann: "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom".

"Eine solche Diagnose steckt Kinder sehr schnell in eine stigmatisierende Schublade, so dass ihre Individualität außer Acht gelassen wird", erläutert Kunsttherapeutin Simone Doll. Sie möchte deshalb demnächst einen Kurs in der Jugendkunstschule in Oberndorf anbieten, speziell ausgerichtet auf die Bedürfnisse "wilder Kids". Dort sollen die Kinder in kleinen Gruppen Entspannungs- und Konzentrationsübungen erlernen, wie beispielsweise autogenes Training oder das sogenannte "Brain Gym", eine Art körpergebundener Gedächtnisübungen, in denen beide Gehirnhälften gezielt trainiert werden. Aber auch "klassische" kunsttherapeutische Ansätze, bei denen die Kinder malen und basteln, sollen Anwendung finden.

Medikamente sollten letzter Ausweg bleiben

Bei der Kunsttherapie gehe es darum, die Gefühlswelt nach außen sichtbar werden zu lassen, so Doll: "Über Bilder kann man kommunizieren." Das Kind könne sich in seinem Bild selbst sehen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vor allem aber gehe es darum, dass die Kinder einmal die Ruhe kennenlernen und Kräfte sammeln sollen – und das, so Doll weiter, gehe am besten in der Beschäftigung mit Kunst. Diese wirke entlastend und ausgleichend und beeinflusse das innere Gleichgewicht. Auch das Selbstbewusstsein werde gestärkt; gerade Schüler, die aufgrund ihrer Unruhe häufig nur unzureichend in den Klassenverband integriert sind, erfahren zum ersten Mal Wertschätzung, wenn ihre Kreativität anerkannt wird: "Die Kinder begreifen dadurch, dass es Dinge gibt, die sie gut können." Diese Erfahrung hat Doll schon häufig gemacht und bereits gute Resonanzen seitens der Eltern erhalten. Demnach hätten viele Kinder im Nachhinein bessere Noten und ein stärkeres Selbstbewusstsein. Auch ihre Kreativität erfahre Wertschätzung innerhalb der Familie: "Die Eltern erkennen die Talente ihrer Kinder als eine besondere Leistung an. Sie sind nicht länger der Meinung, dass das Kind ›einfach nur vor sich hinkritzele‹", so Doll weiter.

Nicht nur Simone Doll und die Leiterin der Jugendkunstschule Oberndorf, Friederike Hogh-Binder, sind der Auffassung, dass Kunst als Therapie zunächst die bessere Wahl ist als Medikamente. Auch Kinderärzte und Jugendpsychologen rieten von frühzeitiger Medikation ab: "Viele Eltern greifen gleich zu Ritalin und vergessen dabei, dass das Mittel zwar kurzfristig hilft, langfristig jedoch fatale Folgen haben kann."­ Das aufputschende Medikament unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz und steigert die Aufmerksamkeit. Bekannte Nebenwirkungen sind Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Nervosität; Langzeitfolgen wurden noch nicht vollständig erforscht. Simone Doll setzt gerade deshalb auf sanfte Alternativen: "Medikamente sollten das letzte Mittel bleiben", folgert sie.

Damit die Kunsttherapie für "wilde Kids" gute Erfolgsaussichten aufweist, will sie die Sitzungen in kleinen Gruppen von maximal vier Kindern anbieten. Nur so könne man individuell auf jedes Kind eingehen; eine größere Gruppe würde Unruhe hervorrufen. Bislang gibt es jedoch nur zwei Anmeldungen – zu wenig, um den Kurs rentabel zu machen, so dass der Beginn bereits mehrere Male verschoben werden musste. Noch ist deshalb unklar, wann der Kurs genau beginnen wird; angepeilt ist der Zeitraum Ende Februar / Anfang März.

Friederike Hogh-Binder ist zuversichtlich, dass noch einige Anmeldungen kommen und dass der Kurs dann doch noch stattfinden kann. Sie will demnächst deshalb verstärkt Schulen und Kinderarztpraxen auf das Angebot aufmerksam machen. "Für viele ist die Krankheit noch immer ein großes Tabu-Thema", erklärt sie. Viele Eltern würden sie verheimlichen – aus Scham. "Das sind die negativen Konsequenzen einer leistungsorientierten Gesellschaft, die ihre Mitglieder immer stärker unter Druck setzt", so Doll ergänzend. Sie hofft, dass in diesem Bereich ein Umdenken stattfindet, denn gerade der Leistungsdruck führe häufig erst zur Herausbildung von ADHS – ein Teufelskreis, der auf lange Sicht die Fundamente unserer Gesellschaft untergrabe, weil schwächere Glieder zurückbleiben.