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Oberndorf a. N. Als Zwangsarbeiter im Stollen

Hans-Dieter Wagner, vom 02.02.2012 09:00 Uhr
Wim Verhaeghe bei seiner Ansprache am »Buch der Erinnerung« in Altoberndorf. Großvater Albert Verhaeghe war ihm Freund und Vorbild. Foto: Wagner
Wim Verhaeghe bei seiner Ansprache am »Buch der Erinnerung« in Altoberndorf. Großvater Albert Verhaeghe war ihm Freund und Vorbild. Foto: Wagner

Oberndorf - Zunächst war es wie ein unlösbares Puzzle, aber zwischenzeitlich hat Wim Verhaeghe so viele Einzelteile zusammengefügt, dass es ein Bild gibt. Verhaege ist Belgier und hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu seinem Großvater Albert, der ihm zwar Geschichten aus dem Krieg und seiner Zeit als Zwangsarbeiter in Oberndorf erzählte, dies aber selten und nur unvollständig tat.

Wim spürte, dass dem Großvater viel Leid während dieser Zeit widerfahren war. Doch Albert Verhaeghe konnte oder wollte nicht viel darüber sprechen. Wim wollte mehr über die Vergangenheit seines Großvaters wissen, der im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren im belgischen Waregem gestorben ist.

So machte sich Wim im April 2011 vom belgischen Oudenaarde auf den Weg nach Oberndorf. Im Gepäck hatte er nur die spärlichen Informationen seines Großvaters, wusste kaum, wo Oberndorf lag, noch wo der Großvater hier gelebt hatte. In Oberndorf angekommen, gelangte er eher zufällig in die Altoberndorfer Kienzlestraße und stieß dort auf das Mahnmal vor dem Haus Pfaff. Er klingelte – und lernte Renate und Ulrich Pfaff kennen, Mitinitiatoren der Oberndorfer Initiative 27. Januar.

Ein Volltreffer: Kompetentere Helfer bei der Suche nach der Vergangenheit seines Großvaters hätte er nicht finden können. Das Ehepaar Pfaff und Altbürgermeister Klaus Laufer halfen Wim, aus dem Puzzle ein Bild zu machen, wenn es auch bis heute nicht ganz vollständig ist. Laufer war es zum Beispiel nach mühevoller Kleinarbeit gelungen, Schriftsstücke ausfindig zu machen, die dokumentieren, dass Albert Verhaeghe in Oberndorf Zwangsarbeiter gewesen war.

Im Stollenbau eingesetzt

Wim Verhaeghe plant nun, die Biografie seines Großvaters über die Militärzeit und die Jahre als Zwangsarbeiter in Oberndorf schreiben. Sie soll Albert Verhaeghe gewidmet sein, der 1940 freiwillig in die belgische Armee eintrat und in Brügge stationiert war. Im Mai 1940 wurde sein Regiment mit dem Zug nach Südfrankreich verlegt, wo die Soldaten bis September 1940 blieben. Bei der Rückkehr nach Belgien wurde Albert Verhaeghe vermutlich an der Demarkationslinie von Deutschen Truppen verhaftet und nach Deutschland gebracht. Er konnte fliehen, kehrte nach Belgien zurück und schloss sich der Widerstandsbewegung "Witte Brigade" an. 1944 wurde er wieder verhaftet und nach Oberndorf gebracht. Dort musste er einige Zeit im Arbeitserziehungslager Aistaig verbringen, bevor er im Stollenbau eingesetzt wurde.

Nach der Befreiung durch die französische Armee am 20. April 1945 wurde er bei der "Police Auxilière" (Hilfspolizei) eingestellt. Am vergangenen 27. Januar, an dem auch in Oberndorf der Opfer des Holocaust, insbesondere aber auch der Menschen, die in Oberndorf als Zwangsarbeiter missbraucht wurden, gedacht wurde, kam Wim Verhaeghe mit den Eltern, seiner Frau und seinem Sohn Leon zurück nach Oberndorf. Die Familie nahm an der Gedenkfeier am "Buch der Erinnerung" teil. Hier sprach Wim zu den Gästen, erzählte ihnen die Geschichte seines Großvaters und bedankte sich in dessen Namen dafür, dass in Oberndorf die Erinnerung lebendig gehalten wird. Insbesondere galt sein Dank auch dem Team der Initiative 27. Januar.

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