NSU-Prozess Dubioser Zeuge mit Neigung zu Nazis

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Tritt zum zweiten Mal als Zeuge auf: Andreas T. Foto: dpa

Auftritt des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas T. vor Gericht: Ist er auch ein Neonazi?

München/Kassel - Im Januar 2005 drückte der Inspektor Andreas T. die Schulbank. Zehn Tage lang paukte er in der Verfassungsschutzschule Swisttal-Heimerzheim, wie er Gespräche und Ermittlungen nach dem Lehrbuch führen müsste. Für Hessens Verfassungsschützer T. war der Lehrgang „Grundlagen Ermittlungen/Gesprächsführung“ auch eine Investition für sein privates Leben. Vor dem Münchner Oberlandesgericht hält der ehemalige Geheimagent heute noch den Strafsenat geschickt hin. Bis es Richter Manfred Götzl zu bunt wird: „Ich versuche gerade herauszufinden, was in Ihrem Kopf ist. Aber Sie weichen mir dauernd aus!“

Eine Erfahrung, die nicht nur Götzl macht. Monatelang verdächtigten hessische Ermittler, T. habe im April 2006 den Türken Halit Yozgat in Kassel ermordet. Die Bluttat schreiben die Ankläger der Bundesanwaltschaft Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu. Andreas T. war kurz vor oder während der Tatzeit in dem Internet-Café des Türken. Er meldete sich aber selbst dann nicht als Zeuge bei der Polizei, als diese gezielt nach ihm in den lokalen Medien suchte. Verfassungsschützer T. behauptete, er habe den Besuch am Tattag mit einem anderen Besuch verwechselt. Der Verfassungsschützer aber verschwand erst aus dem Fadenkreuz der Fahnder, als vor sieben Jahren der damalige Innenminister Hessens, Volker Bouffier (CDU) verfügte, dass Polizisten keine Informanten seines Landesamts für Verfassungsschutz (LFV) zu den Treffen mit ihrem Quellenführer Andreas T. befragen dürfen. Von der Unschuld des Geheimdienstlers sind die hessischen Kriminalisten bis heute nicht überzeugt.

Nazi-Literatur bei Razzia gefunden

Aus gutem Grund. Denn am 1. Dezember 2011 meldete sich um 12.45 Uhr ein Informant aus Baden-Württemberg beim Bundeskriminalamt (BKA). Dem Kriminalkommissar schilderte der Mann, er habe zu Beginn der 2000er Jahre in der Kneipe „Scharfe Ecke“ in Reinhardshagen mehrfach Uwe Mundlos gesehen. Der mutmaßliche Rechtsterrorist habe in der Kneipe Kontakt zu Rockern der „Hells Angels“ und Neonazis der „Blood and Honour“-Gruppe gesucht, berichtete der Mann, der sich wohl den Bundeskriminalen wie auch anderen Dienststellen als Informant anbot. Deshalb seien seine „Informationen mit entsprechender Zurückhaltung zu betrachten“. Ein kooperierender Schutzmann kommt aber zu dem Schluss, der Spitzel verfüge „über ein gewisses Insiderwissen, dass zumindest relevante Teilaspekte enthalten kann“.

In diesem Fall geht es um eine Kneipe, die genau 25 Kilometer vom Internet-Café der Familie Yozgat entfernt liegt, in dem Mundlos oder Böhnhardt den 21 Jahre alten Halit regelrecht hingerichtet haben sollen – auch wenn die Kriminalisten des BKA im Februar 2012 noch zu dem Schluss kamen, dass die Rechtsextremisten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe keine „Verbindungen zu der in Deutschland verbotenen Organisation Blood and Honour“ gehabt hätten. Inzwischen sind die Ermittler klüger, auch wenn sie die Spur 210000102 nicht weiter verfolgten. Sonst hätten sie recherchiert, dass Andreas T. nur 21 Kilometer von seinem Heimatort aus fahren musste, um sich in die „Scharfe Ecke“ zu setzen. Stammgäste erinnern sich, dass der Geheime immer wieder mal auf ein Bier vorbeikam. Praktisch für ihn: Verließ er die Kneipe, waren es nur 450 Meter zu einem der beiden Stammlokale, in denen sich die Reservistenkameradschaft Reinhardshagen monatlich trifft. Bei den Veteranen schoss T. mit seinen zahlreichen Waffen.

Die Höllenengel sind dem Inlandsgeheimen T. ebenso wenig fremd wie Rechtsextremisten. Als Ermittler T.s Wohnungen durchsuchten, fanden sie auch Devotionalien der Hells Angels bei dem inzwischen vom Dienst suspendierten Agentenführer. Mit dem damaligen Präsidenten der Kasseler Hells Angels, Michael S., war T. befreundet, ermittelten die hessischen Polizisten.

In T.s Büro fanden sich Bücher wie „Lehrplan für die weltanschauliche Erziehung der SS“, ein Lehrplan des SS-Hauptamts oder „Judas Schuldbuch“. In dem 1923 erschienen Buch verknüpfte der damalige Staatssekretär Paul Bang Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg, die deutsche Novemberrevolution 1918 und Wirtschaftskrisen mit Ereignissen, die von Juden verschwörerisch ausgeheckt und gesteuert worden seien. Das Pamphlet wurde 30 000 mal gedruckt.

Kaum vorstellbar, dass Quellenführer T. dieses Buch brauchte, um einen Spitzel in der rechtsextremen Szene abzuschöpfen. Die Quelle 389 habe über die angeblich unbedeutende „Deutsche Partei (DP)“ berichtet. Trotzdem gibt Agent T. in seinen Berichten dem Informanten 389 die Note „B“ für seine Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit, die zweithöchste Note, die Geheime für ihre Spitzel vergeben. Mit derselben Not bewerteten Geheime in Thüringen den Topinformanten Tino Brandt. Ungewöhnlich für einen Informanten, dessen Rolle T. beharrlich herunterzuspielen versuchte.

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