Ingolstadt - Es kribbelt und kitzelt in der Nase, dann kommt die Explosion: Mit einer Geschwindigkeit von etwa 160 Stundenkilometern wird die Atemluft ausgestoßen. Zigtausende kleiner Tröpfchen und Schleimpartikel fliegen durch die Luft, manche bis zu vier Meter weit.

Niesen ist ziemlich lästig. Das lautstarke „Hatschi!“ stört Konferenzen wie Konzerte. Und wer sich in der Nähe eines Niesenden aufhält, läuft Gefahr, sich anzustecken. Denn bei einem Schnupfen muss man besonders oft niesen und dabei schleudert man unzählige Krankheitserreger durch die Luft.

Die Natur hat sich den Niesreflex aber nicht ausgedacht, um den Menschen zu ärgern: „Niesen ist ein Schutz- und Reinigungsmechanismus der oberen Atemwege“, sagt Werner Hosemann, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Auch bei einigen ­Tierarten, etwa Hunden und Katzen, gibt es diesen Reflex.

Körper befreit sich von den lästigen Teilchen

Wenn Staubpartikel in die Nase gelangen und die Schleimhäute kitzeln, wird dieser Reiz über verschiedene Nervenbahnen an das sogenannte Nieszentrum im Gehirn ­weitergeleitet. Diese Schaltzentrale im ­verlängerten Hirnstamm erteilt das Nieskommando: Erst muss man tief einatmen, dann den Atem kurz anhalten. Die Stimmlippen verschließen den Kehlkopf, die Atemmuskulatur zieht sich zusammen und befördert schließlich die Luft mit aller Wucht durch Nase und Mund. Dabei öffnet sich die Stimmritze wieder, wobei das „Hatschi“- Geräusch entsteht. Auf diese Art befreit sich der Körper von den lästigen Teilchen, die er sonst vielleicht einatmen würde.

Bei Erkältungen oder Allergien wird der Reflex besonders leicht ausgelöst: „Dann ist die Nasenschleimhaut stark gereizt und empfindlich“, erklärt der Augsburger Arzt Paul Flämig vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte.

Aber warum müssen manche Menschen auch niesen, wenn sie sich kämmen oder ins Licht schauen? „Es gibt in der Tat einige Reize, die den Niesreflex auslösen können. Zum Teil ist es schwierig zu erklären, warum es dazu kommt“, sagt Hosemann. Beim ­­Haare­bürsten oder Augenbrauenzupfen ist die Erklärung noch relativ naheliegend: Offenbar wird dabei der weit verzweigte Trigeminus-Nerv gereizt, der auch für die Weiterleitung des Niesreizes verantwortlich ist.

Sexuelle Gedanken sollen bei manchen einen Niesreiz auslösen

Warum aber etwa jeder vierte Mensch niesen muss, wenn er ins Licht schaut, ist nicht ganz klar. Der Neuropsychologe Nicolas Langer verglich innerhalb einer Studie an der Uni Zürich die Hirnströme von zehn „Sonnen-Niesern“ mit einer zehnköpfigen Kontrollgruppe. Dabei stellte er fest, dass die Menschen, die bei Lichteinfall niesen mussten, generell empfindlicher auf Lichtreize reagierten. Wahrscheinlich wird bei ­ihnen durch Licht nicht nur der Sehnerv, sondern auch ein Ast des Trigeminus-Nervs aktiviert, der den Niesreiz weiterleitet. In bestimmten Situationen kann das durchaus gefährlich werden: Wenn Autofahrer niesen müssen, die nach einer Tunneldurchfahrt wieder das Tageslicht erblicken, sind sie ­abgelenkt – zumal man beim Niesen in der Regel automatisch die Augen schließt.

Manche Menschen leiden aber gerade daran, dass ihnen diese Fähigkeit abhanden­gekommen ist. Wenn eine bestimmte Region im verlängerten Hirnstamm verletzt wurde, kann man nämlich nicht mehr niesen – selbst dann nicht, wenn man Pfeffer in die Nase bekommt. Aufgrund dieser Beobachtung leiteten Forscher ab, dass das Nieszentrum in diesem Bereich des Hirns angesiedelt sein muss.

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe kurioser Phänomene: So sollen sexuelle Gedanken bei manchen einen Niesreiz auslösen, wie der britische Hals-Nasen-Ohren-Arzt Mahmood Bhutta berichtet. Bei anderen, so schrieb er im Fachmagazin „Journal of the Royal Society of Medicine“, führt auch ein Orgasmus zu Niesanfällen. Damit nicht genug: Durch die medizinische Literatur geistern außerdem Berichte über den „Sättigungs-Nies-Reflex“. Vereinzelt gibt es offenbar Menschen, die niesen müssen, wenn ihr Magen voll ist. Hosemann erklärt derlei Phänomene damit, dass die Reizübertragung an das Gehirn fehlgesteuert und dadurch fälschlicherweise das Nieszentrum aktiviert wird: „Das ist wie bei einer zu empfindlichen Alarmanlage.“

Durch das Niesen kann sich vorübergehend der Herzschlag verlangsamen

Gefährlich ist Niesen, für sich allein genommen, normalerweise nicht. Paul Flämig sagt: „Mir ist nicht bekannt, dass dadurch jemand zu Tode gekommen wäre.“ ­Allerdings, bestätigt Hosemann, kann sich durch das Niesen vorübergehend der Herzschlag verlangsamen. „Das ist aber höchstens dann bedenklich, wenn man ein sehr empfindliches Herz hat oder eine andere Vorerkrankung.“

Nicht ratsam ist es jedenfalls, das Niesen zu unterdrücken, indem man Mund und Nase schließt: „Durch den hohen Druck kann es sein, dass die Luft an anderer Stelle entweicht.“ So wird sie manchmal in die Augen, in die Nasennebenhöhlen oder ins Innenohr gepresst. Schlimmstenfalls kann sogar das Trommelfell platzen.

Wie man am hygienischsten niest, ist unter Experten umstritten. Tabu ist es jedenfalls, jemanden anzuniesen. Ansonsten gilt: Hat man sich die Hand vor den Mund gehalten, muss man sie gründlich waschen, bevor man sie dem nächsten zum Gruß reicht. Sonst gibt man den Schnupfen gleich weiter. Manche Ärzte empfehlen, in ein Taschentuch zu niesen, aber auch da gibt es Einschränkungen: „Das hat man ja nicht immer griffbereit“, sagt Flämig. „Außerdem werden auch dann leicht mal die Hände schmutzig.“ Er empfiehlt deswegen die Armbeuge. Das wiederum hält Hans-Michael Klein, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Knigge-Gesellschaft, für ziemlich eklig, ganz anders als den guten Wunsch „Gesundheit“. „Wir halten es für Blödsinn, so etwas zu verbieten.“

 
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