Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren
Bilder

Natascha Kampusch Der ganz normale Wahnsinn

Norbert Mappes-Niediek, Wien, vom 07.09.2010 05:16 Uhr
vorherige Bild 1 von 13 nächste
Natascha Kampusch  war das Opfer einer der längsten Entführungen der neueren Geschichte Österreichs. Die damals zehnjährige Österreicherin wurde 1998 vom Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil in Wien auf ihrem Schulweg  entführt. 
 Foto: AP
Natascha Kampusch war das Opfer einer der längsten Entführungen der neueren Geschichte Österreichs. Die damals zehnjährige Österreicherin wurde 1998 vom Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil in Wien auf ihrem Schulweg entführt. Foto: AP

Wien - Ihr Schicksal sorgt weltweit für Aufsehen: Natascha Kampusch wird jahrelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Jetzt schreibt sie erstmals über diese Zeit. Es sind berührende, aber auch verstörende Erinnerungen.

Was sie aß, was sie anzog, was sie tat, wann abends das Licht ausging: Alles bestimmte der allmächtige Entführer. Wie viel sie wog, selbst wie sie hieß und wovon sie sprechen durfte, wurde dem Mädchen befohlen. Aber "im Schatten dieser Macht, die mir alles vorschrieb", sagt Natascha Kampusch, "konnte ich paradoxerweise zum ersten Mal in meinem Leben ich selbst sein". Ich selbst? Das Schicksal des Mädchens, das zehnjährig auf dem Schulweg entführt wurde und sich acht Jahre später selbst befreite, erschütterte vor vier Jahren die ganze Welt. Was die jetzt 22-Jährige heute über die 3096 Tage ihrer Gefangenschaft zu sagen hat, ist mindestens genauso verstörend.

Die Annäherung an den Täter, schreibt Kampusch, sei "keine Krankheit". Sie sei vielmehr "eine Strategie des Überlebens in einer ausweglosen Situation" - und damit "realitätsgetreuer als jene platte Kategorisierung von Tätern als blutrünstige Bestien und Opfern als hilflose Lämmer".

Aus der Extremsituation, vor der die ganze Welt erschrak, war für das Opfer mit den Jahren eine Art Normalität geworden. Kampusch vergleicht das Haus des Entführers mit einem Aquarium: "Der Fisch springt nicht über den Glasrand, dort lauert nur der Tod." Nach Jahren in einem Verlies unter der Garage eines Einfamilienhauses in Strasshof bei Wien führte ihr Entführer sie zum ersten Mal aus, unter strenger Bewachung und scharfen Drohungen. Als sie endlich wieder andere Menschen sah, fürchtete sie sich vor ihnen. Die Welt draußen erschien ihr wie eine Kulisse, nur der Kerker war Realität. Der Selbstbefreiung mit 18 Jahren folgte nicht nur Glück, sondern auch ein Schock: Was sie für ihr Leben gehalten hatte, wurde zu einer Kriminalgeschichte, ihr Verlies, das auch ihr einziger Rückzugsraum war, zum Tatort. Die Entführung war ihr Leben geworden.

Es war Normalität, aber eine grässliche. Täglich musste das Mädchen brutale Schläge und Erniedrigungen erdulden. Eine irrsinnige Abmagerungskur, vom paranoiden Täter verordnet, brachte sie an den Rand des Hungertods. Der Entführer schor sie kahl, ließ sie, nur mit Kappe und Unterhose bekleidet, die Wohnung putzen, ließ seinen Jähzorn an ihr aus. Sexualität habe nicht die Rolle gespielt, die viele Außenstehende vermuteten, schreibt Kampusch, ohne dabei zu sehr in Details zu gehen. Ein merkwürdiges Spiel mit Anbinden endete dann so, dass die vorgebliche "Sexbestie" bloß kuscheln wollte.

War aber alles nur schrecklich? Die Zehnjährige litt schrecklich in ihrem fünf Quadratmeter großen Kerker ohne Tageslicht, in den selbst der Entführer nur vordrang, wenn er sich fast eine Stunde lang durch Sicherheitstüren und Alarmanlagen gekämpft hatte. Das Bettnässen aber, mit dem sich die einsame, dickliche Scheidungswaise über Jahre gequält hatte, war vom Moment ihrer Entführung an kein Problem mehr. Vorsichtig wie ein gebranntes Kind gibt Kampusch einen Blick frei in die paradoxen Folgen einer Lebenskatastrophe.

Hätte es positive Faktoren wie diesen nicht gegeben, wäre das Opfer heute wohl tot. Mit fünfzehn, erzählt Kampusch, schlug sie zum ersten Mal zurück - viel zu schwach, um wirklich Widerstand zu leisten, aber stark genug, um Selbstachtung aufzubauen. Auch heute ist Natascha Kampusch mit ihrem Entführer Wolfgang Priklopil, der sich am Tag ihrer Befreiung vor einen Zug warf, nicht fertig. Fast immer nennt sie ihn "den Täter", als müsste sie sich zwingen, das in ihm zu sehen, was sie während ihrer Gefangenschaft lieber ignorierte.

Über Strecken lesen sich die 284 Seiten wie ein Lehrbuch der Psychologie mit einer einzigen Versuchsperson: Natascha Kampusch. Am Anfang fantasierte sich die Zehnjährige in das Kleinkind zurück - um die schreckliche Situation nicht in ihrem ganzen Ausmaß begreifen zu müssen. Später lernte sie, Erlebnisse von sich "abzuspalten", sich neben sich selbst zu stellen.

Aufgeschrieben haben die berührende Geschichte der Natascha Kampusch die deutsche Lektorin Heike Gronemeier und die österreichische Journalistin Corinna Milborn - gut lesbar, sensibel und reflektiert, manchmal auch in etwas gestelzten Worten, ähnlich wie Natascha Kampusch sich selbst gerne ausdrückt.

Natascha Kampusch (mit Heike Gronemeier und Corinna Milborn): "3096 Tage". . Berlin: List-Verlag 2010. 284 Seiten, 19,95 Euro.

Kommentare (0)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
Gericht erteilt Prinzessin Caroline eine Absage
Die Straßburger Richter weisen eine Beschwerde von Prinzessin Caroline von Hannover ab.
Hunziker kehrt Wetten, dass...? den Rücken
"Ich folge meinem Bauchgefühl", sagt Michelle Hunziker - auch sie verlässt das ZDF-Flaggschiff.
Anzeigen
Abo & Service

zum Tourenplaner
Ob Wandern, Radfahren, joggen oder vieles mehr: wir bieten Ihnen viele schöne Touren. Mit dem Tourenplaner können Sie einfach und schnell Touren planen.
zum Tourenplaner »
 
Winter Touren Schwarzwald und Schwäbische Alb
 
Die passenden iPhone-Apps für unterwegs
Wandern Schwarzwald
Wandern
Schwarzwald
  Mountain-Bike Schwarzwald
Mountain-Bike
Schwarzwald
  Radfahren Schwarzwald
Radfahren
Schwarzwald
  Winter Touren Schwarzwald und Schwäbische Alb
Winter Touren
Schwarzwald/ Schwäb. Alb
Anzeige
 
Ansicht Listenansicht Miniaturansicht
 
Feuer wütet in Hechingen
Mehrere Häuser schwer beschädigt. Frau unter dramatischen Umständen gerettet. Drei Verletzte.
Sprung der Urhexe in Bräunlingen
Mit Getöse wurden die 16 schaurig-schönen Gestalten vom Hexenmeister geweckt.
22-Jährige stirbt bei Brand
Haus in Tieringen brennt. Mutter und Sohn können sich retten, Tochter kommt ums Leben.
Dieter Thomas Kuhn besingt Balingen
Sonnenblumen und Schlaghosen - hunderte Besucher feiern den Schlagergott DTK.
Was bedeutet die Fasnet für euch?
Tradition oder Party - wir haben uns in VS umgehört, was die Fasnet für euch bedeutet.
Sturm reißt Dach von Schule
Kupferdach landet in Balingen vor Turnhalle. Schüler sprechen von "filmreifen Szenen".
Wer ist der beliebteste Spieler des HBW?
Wir wollten von den Fans des HBW Balingen-Weilstetten wissen, wer der beliebteste Spieler ist.
HBW verliert 27:28 gegen Hüttenberg
Es war ein harter Kampf, an dessen Ende der HBW mit einem Tor Unterschied gegen Hüttenberg verlor.
Stars & Diamonds Party im Kraftwerk
Burlesque-Auftritte gab es bei der Stars & Diamonds Party im Rottweiler Kraftwerk.
HBW: Verdienter Sieg gegen Lübbecke
HBW Balingen-Weilstetten gelingt grandioser Sieg über die Handballer aus Lübbecke.
HBW-Umfrage: Wie war bisher die Saison?
Wir haben die HBW-Fans gefragt, wie sie mit der Saison 2011/12 bisher zufrieden sind.
Startschuss für Projekt Zisch
Auftakt für Projekt "Zeitung in der Schule" am Bickeberg und am Deutenberg.
Live Darkening im Delta
Konzert in Donaueschingen mit Mephistosystem, Mystigma, Mooncry sowie Riva Phoenix Tribe.
Auf A 81 in Pannenlaster gerast
54-jähriger Lkw-Fahrer lebensgefährlich verletzt. Autobahn gesperrt. 600.000 Euro Schaden.
Blackmail-Bassist Carlos Ebelhäuser
Blackmail mit neuem Sänger Mathias Reetz im Rittergarten. Wir sprachen mit Bassist Carlos Ebelhäuser.
Top-Reiter beim Donaueschinger CHI
44.000 Zuschauer haben das Donaueschinger Reitturnier verfolgt. Umzug durch die Stadt.
Blutiges Steak schockt Spaziergänger
Schockierende Aufklärung: Tierrechts-Aktivistin posiert als blutiges Steak auf dem Münsterplatz.
20. Schwarzwälder Bote WerbeTreff
20 Jahre Schwarzwälder Bote WerbeTreff – da hat sich was getan. Neue Wege, neue Medien.
Rock am Fichtenwald 2011
5.200 Besucher bei Rock am Fichtenwald in Vöhringen u.a. mit End of Green und Frei.Wild.
Umfrage: Genervt von E 10 und den Spritpreisen?
[Kommentare 1] E 10 macht Autofahren noch teurer. Was halten die Horber von den erhöhten Spritpreisen?
    Blättern
  • <
  • 1
  • 2
  • 3
  • >
 
Nachrichtenticker
05:39   Westerwelle droht Syriens Präsidenten Assad mit harten Sanktionen
04:52   Regierung und Indios in Panama wollen Konflikt beilegen
04:51   Qantas stoppt A380-Flüge wegen Rissen in der Tragfläche
04:19   Klirrende Kälte hat Europa fest im Griff
04:12   Santorum hofft auf Überraschungssiege bei US-Vorwahlen
1   2   3   4   5   6   7   weiter
» aktualisieren

Jetzt gleich downloaden Mehr Infos

Sporttabellen & Termine
Anzeigen
Interaktiv
  • Umfrage
131011EUS111k

Ob "The Voice of Germany", "Unser Star für Baku", "Das perfekte Model" oder "DSDS" - Castingshows haben Hochkonjunktur. Fiebern Sie auch mit?

 
Ja, das macht doch Spaß!
Bei der einen oder anderen Show zappe ich schon mal rein.
Nein, so ein Schwachsinn interessiert mich nicht!
 
(Ergebnis anzeigen)
 
  • Meist gelesen
  • Neueste Artikel
Meist gelesen
Katastrophaler Brand in Altstadt
Von Klaus Stopper, Rolf Vogt und Volker Rath
Närrische Stimmung im Festzelt
Von Viktoria Stefanski
Schwarze Wunde klafft in der Altstadt
Von Schwarzwälder-Bote
  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • Weblogs
Sonderthemen

Schwarzwäder Bote Mediengruppe   Partner    
  Gesundheitsnetzwerk Schwrzwald-Baar   Schwarzwald Tourismus