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Wien - Ihr Schicksal sorgt weltweit für Aufsehen: Natascha Kampusch wird jahrelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Jetzt schreibt sie erstmals über diese Zeit. Es sind berührende, aber auch verstörende Erinnerungen.
Was sie aß, was sie anzog, was sie tat, wann abends das Licht ausging: Alles bestimmte der allmächtige Entführer. Wie viel sie wog, selbst wie sie hieß und wovon sie sprechen durfte, wurde dem Mädchen befohlen. Aber "im Schatten dieser Macht, die mir alles vorschrieb", sagt Natascha Kampusch, "konnte ich paradoxerweise zum ersten Mal in meinem Leben ich selbst sein". Ich selbst? Das Schicksal des Mädchens, das zehnjährig auf dem Schulweg entführt wurde und sich acht Jahre später selbst befreite, erschütterte vor vier Jahren die ganze Welt. Was die jetzt 22-Jährige heute über die 3096 Tage ihrer Gefangenschaft zu sagen hat, ist mindestens genauso verstörend.
Die Annäherung an den Täter, schreibt Kampusch, sei "keine Krankheit". Sie sei vielmehr "eine Strategie des Überlebens in einer ausweglosen Situation" - und damit "realitätsgetreuer als jene platte Kategorisierung von Tätern als blutrünstige Bestien und Opfern als hilflose Lämmer".
Aus der Extremsituation, vor der die ganze Welt erschrak, war für das Opfer mit den Jahren eine Art Normalität geworden. Kampusch vergleicht das Haus des Entführers mit einem Aquarium: "Der Fisch springt nicht über den Glasrand, dort lauert nur der Tod." Nach Jahren in einem Verlies unter der Garage eines Einfamilienhauses in Strasshof bei Wien führte ihr Entführer sie zum ersten Mal aus, unter strenger Bewachung und scharfen Drohungen. Als sie endlich wieder andere Menschen sah, fürchtete sie sich vor ihnen. Die Welt draußen erschien ihr wie eine Kulisse, nur der Kerker war Realität. Der Selbstbefreiung mit 18 Jahren folgte nicht nur Glück, sondern auch ein Schock: Was sie für ihr Leben gehalten hatte, wurde zu einer Kriminalgeschichte, ihr Verlies, das auch ihr einziger Rückzugsraum war, zum Tatort. Die Entführung war ihr Leben geworden.
Es war Normalität, aber eine grässliche. Täglich musste das Mädchen brutale Schläge und Erniedrigungen erdulden. Eine irrsinnige Abmagerungskur, vom paranoiden Täter verordnet, brachte sie an den Rand des Hungertods. Der Entführer schor sie kahl, ließ sie, nur mit Kappe und Unterhose bekleidet, die Wohnung putzen, ließ seinen Jähzorn an ihr aus. Sexualität habe nicht die Rolle gespielt, die viele Außenstehende vermuteten, schreibt Kampusch, ohne dabei zu sehr in Details zu gehen. Ein merkwürdiges Spiel mit Anbinden endete dann so, dass die vorgebliche "Sexbestie" bloß kuscheln wollte.
War aber alles nur schrecklich? Die Zehnjährige litt schrecklich in ihrem fünf Quadratmeter großen Kerker ohne Tageslicht, in den selbst der Entführer nur vordrang, wenn er sich fast eine Stunde lang durch Sicherheitstüren und Alarmanlagen gekämpft hatte. Das Bettnässen aber, mit dem sich die einsame, dickliche Scheidungswaise über Jahre gequält hatte, war vom Moment ihrer Entführung an kein Problem mehr. Vorsichtig wie ein gebranntes Kind gibt Kampusch einen Blick frei in die paradoxen Folgen einer Lebenskatastrophe.
Hätte es positive Faktoren wie diesen nicht gegeben, wäre das Opfer heute wohl tot. Mit fünfzehn, erzählt Kampusch, schlug sie zum ersten Mal zurück - viel zu schwach, um wirklich Widerstand zu leisten, aber stark genug, um Selbstachtung aufzubauen. Auch heute ist Natascha Kampusch mit ihrem Entführer Wolfgang Priklopil, der sich am Tag ihrer Befreiung vor einen Zug warf, nicht fertig. Fast immer nennt sie ihn "den Täter", als müsste sie sich zwingen, das in ihm zu sehen, was sie während ihrer Gefangenschaft lieber ignorierte.
Über Strecken lesen sich die 284 Seiten wie ein Lehrbuch der Psychologie mit einer einzigen Versuchsperson: Natascha Kampusch. Am Anfang fantasierte sich die Zehnjährige in das Kleinkind zurück - um die schreckliche Situation nicht in ihrem ganzen Ausmaß begreifen zu müssen. Später lernte sie, Erlebnisse von sich "abzuspalten", sich neben sich selbst zu stellen.
Aufgeschrieben haben die berührende Geschichte der Natascha Kampusch die deutsche Lektorin Heike Gronemeier und die österreichische Journalistin Corinna Milborn - gut lesbar, sensibel und reflektiert, manchmal auch in etwas gestelzten Worten, ähnlich wie Natascha Kampusch sich selbst gerne ausdrückt.
Natascha Kampusch (mit Heike Gronemeier und Corinna Milborn): "3096 Tage". . Berlin: List-Verlag 2010. 284 Seiten, 19,95 Euro.
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