Von Roland Buckenmaier

Nagold. Das Fernsehpublikum kennt sie als wortgewaltige Bavaria, die auf dem Nockherberg vor allem den bajuwarischen Politikern kräftig einschenkt, oder aus der Polizeiserie "München 7". Ihre wahre schauspielerische Größe aber zeigt Luise Kinseher, wenn sie ganz allein auf der Bühne steht – wie am Wochenende mit ihrem Kabarettprogramm "Einfach reich" in Nagolds Alter Seminarturnhalle.

"Alle Grundschullehrer auf einem Haufen"

Sie braucht nicht viel an Utensilien, mit deren Hilfe sie sich in ihrem nahezu dreistündigen Programm in traumwandlerischer Sicherheit binnen Sekunden in immer andere Charaktere verwandelt – und in jedem dieser Charaktere steckt irgendwo ein Spiegel, den sie mit charmanter Perfidie dem Publikum vorhält.

Luise Kinseher umgarnt ihre Zuhörer wie eine Spinne, spielt mit ihnen, webt sie ein in ihren vermeintlich so niederbayerisch-kommoden Kokon, um dann blitzartig zuzustechen: "Da ist ja Nagolds intellektuelle Elite versammelt", lächelt sie hinunter ins proppevolle Haus, "alle Grundschullehrer auf einem Haufen".

Sie kokettiert meisterhaft mit sich, ihrer barocken Fülle und mit dem Publikum, dem sie – wie ein roter Faden – den ganzen Abend hindurch das Eintrittsgeld vor die Nase hält, das sie als besondere Geste wider den kapitalistischen Geist zurückzuerstatten gedenkt: "Das habe ich mir schon gedacht, dass des ankommt – gerade in der Gegend." Wer in der ersten Reihe sitzt, hat’s besonders schwer: Die Vollblutkabarettistin flirtet mit ihrem koketten Augenaufschlag, nimmt das vornehmlich gesetztere Publikum mit ("Der zweite Frühling kommt mit den dritten Zähnen"), bindet es ein und "derbleckts" dann meisterlich wie weiland auf dem Nockherberg.

Die Zuschauer johlen vor Vergnügen und biegen sich vor Lachen. Kinsehers Kunst ist fern aller krachledernen Bierzeltzoten, ihr Soloprogramm ist einfach entwaffnend weiblich, manchmal aberwitzig absurd, kongenial komisch und wunderbar. Ihre Kritik an der Wohlstandsgesellschaft verpackt sie genüsslich in ihrem fulminanten Figurenszenario und lässt den Kapitalismus schließlich in der Apokalypse enden, "wenn so Organisationen wie die CSU und die Mafia zusammenbrechen."

Was für ein herrlicher Abend, was für ein Weib! So macht Kleinkunst Heidenspaß. Gerade bei solchen Gelegenheiten wird einem gewahr, was diese Stadt kulturell ohne den Seminarturnhallenverein wäre.