Nagold Kunst und Glaube in der Friedenskirche
Schwarzwälder-Bote, 12.08.2012 19:00 UhrVon Barbara Rennig
Nagold. Melancholisch-dramatische Klänge zogen die trotz Urlaubszeit zahlreichen Besucher der dritten Ausstellung der "Wachsenden Kirche" noch vor den Willkommensworten in ihren Bann: Mit dem 2. Satz der Suite "Nigun" (Klagelied) des Spätromantikers Ernest Bloch gab Meisterschülerin Barbara-Lena Köbele, begleitet von KMD Peter Ammer (Klavier), zur Vernissage eine brillante Kostprobe ihres überaus facettenreichen Könnens auf der Violine, ehe Edeltraud Wegenast die Gäste in der Friedenskirche begrüßte.
Bürgermeister Hagen Breitling freute sich, die erste Ausstellung seiner Amtszeit gerade im Rahmen der Landesgartenschau zu eröffnen, bei der das Programm der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen einen wesentlichen Anteil an der "Ballung von Kunst, Kultur und Musik" habe und auf besondere Weise zum aktuellen Erfolg der "Marke Nagold" beitrage. Dekan Ralf Albrecht sekundierte, dass der dritte Zyklus der Ausstellungen in der Friedenskirche, diesmal zum Thema Glauben, ein "kongeniales Duo" vereine: Zum einen Maya Hubers Kalligraphien, in denen Wort, Sprache, tiefere Bedeutung von Zeichen bildhaft erfahrbar werden, zum anderen die Skulpturen und Installationen von Josef Hamberger, dessen Figur "Begegnungen" am Longwyplatz schon Spuren in Nagold hinterlassen hatte.
Hartmut Handt, Theologe und Kantor aus Köln, betonte in seiner Laudatio, dass für ihn Kunst von "Künden" komme: In den Schrift-Bildern Maya Hubers, die weit mehr seien als "Schönschreib-Kunst", werden Zeichen erfahrbar, sind in mehrfachem Sinn er-lesen und können mit ihrer je eigenen Botschaft hinter Farben und Formen gar zu Wegweisern werden. So weist eine meterlange blaue Stofffahne in rhythmischem, fast musikalischem Schwung auf 2000 Jahre Schriftgeschichte. Während Maya Hubers Interpretation von Hilde Domins "Lasst uns landeinwärts gehen" sich auf erdfarbenem, plastisch wirkendem Grund zeigt, gehen im "Unendlichen Loblied" zarte Notenlinien und Noten in eine Unendlichkeitsschleife über. Rilkes "Herbstgedicht" hat die Künstlerin in Textzeilen kunstvoll auf kleine ocker- und rostfarbene Papiere aufgetragen, sie durch Wind sich willkürlich fügen lassen, um sie dann Stück für Stück wieder zum Bild zu "ordnen" – bis zum trostvollen letzten Satz: "Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen/Unendlich sanft in seinen Händen hält.".
Ein Gegengewicht zu Maya Hubers lyrischen Bild-Interpretationen des Themas "Glauben", zu denen auch ein indianisches Gebet oder die Gestaltung von Eichendorffs "Mondnacht" gehören, bilden die erst jüngst für die Ausstellung entstandenen Installationen Josef Hambergers. Jugendkunstschulleiterin Dorothee Müller erinnerte sich in ihrer Laudatio an die erste Begegnung mit dem Künstler vor zehn Jahren und führte statt langer Worte die Besucher gleich vor Ort in die interaktiven Exponate ein. Da ist das "Liebhab-Ding", das die Gäste gerne im wahrsten Sinne be-greifen und wie einen Säugling in den Armen wiegen mochten. Im "Gipfelbuch", durch Hamberger in der Tat vom heimatlichen Feichteck ausgeliehen, kann man, ohne mühevoll den Berg zu erklimmen, eigene Einträge hinterlassen. Der Begriff Glaube erhält in "Der Tanz" (ums sprichwörtliche Goldene Kalb) noch einen ganz anderen Sinn: Die Vermutung (der "Glaube" nämlich), dass sich unter einer knallbunten Form etwas verberge, das man in seinen Besitz bringen mag, lässt über schönen Schein, auch materielle Gier sinnieren. Besonders einladend ist ein aus Folie gestaltetes Rund, in dem Erde und Weizenkörner aufgeschichtet sind: Das fordert die Besucher auf, mit einer Pipette die Samen zu befeuchten – und über "Die Spur" vielleicht gegen Ende der Ausstellung nochmals zu staunen.
Nach Fritz Kreislers rasantem "Tambourin chinois", das für Barbara-Lena Köbeles auf der Violine geradezu tanzende Finger geschrieben zu sein schien, genossen die Besucher noch lange das Gespräch mit den Künstlern inmitten der Exponate.
Die Ausstellung ist noch bis zum 6. September im Untergeschoss der Friedenskirche zu sehen (Zugang nur über die LGS/den Hintereingang der Friedenskirche); Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 10 Uhr bis 17 Uhr, Sonntag 12.30 Uhr bis 17 Uhr.


