Nagold Judenverfolgung wird aufgearbeitet

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Viele Besucher interessierten sich bei der Ausstellungseröffnung für die Texttafeln zum Thema Judenverfolgung. Die Ausstellung ist bis zum 14. April im Nagolder Rathaus zu sehen. Foto: Cools

Von Jasmin Cools

Zum Thema Judenverfolgung und Nationalsozialismus ist alles gesagt? Das zahlreiche Erscheinen der Nagolder bei der Ausstellungseröffnung "War da was bei uns?" der Christiane-Herzog-Realschule zeigt, dass es mitnichten so ist.

Nagold. Er ist der letzte lebende betroffene Zeitzeuge im Oberen Nagoldtal: Rudolf Schneider aus Altensteig wollte 1941 einfach nur Zahnarzt werden. Die Nürnberger Gesetze machten aus seinem Berufswunsch einen Kampf ums Glück. Schneider durfte weder das Abitur machen, noch studieren. 1944 erhielt er ein Schreiben der Gestapo und kam mit weiteren "Juden ersten Grades" in ein Zwangsarbeiter-Lager. Dort musste er bis zur Auflösung 1945 im Winter unter anderem als Pickelschmied arbeiten. Erst nach dem Krieg konnte Schneider endlich sein, was er immer sein wollte: Zahnarzt.

Rund 70 Jahre sind seitdem vergangen. Es sind reale Schicksale wie diese, die zeigen, dass auch das Obere Nagoldtal massiv von der Judenverfolgung betroffen war. "Ja, da war was bei uns", bringt Lehrer Gabriel Stängle es auf den Punkt.

Vor knapp einem Jahr haben sich fünf Jungen der 9b in der Christiane-Herzog-Schule dem heiklen Thema angenommen, saßen grübelnd im Archiv und brüteten über den Akten einer Zeit, die sie selbst nicht miterlebt haben. Sie versuchten zu verstehen, was die Juden im Oberen Nagoldtal zwischen 1933 und 1945 durchmachen mussten.

Die Ergebnisse dieser Recherchen sind, in Kooperation mit dem Museum im Steinhaus, derzeit in den beiden Obergeschossen des Nagolder Rathauses zu sehen. Auf 19 Texttafeln finden sich sowohl eine chronologische Darstellung von der Ausgrenzung bis zur Verschleppung sowie sieben eindrückliche Einzelschicksale wie das von Rudolf Schneider.

"Leider laufen wir gerade wieder Gefahr, schutzbedürftige Menschen auszugrenzen", schlug Realschulrektor Andreas Kuhn bei der Eröffnung den Bogen zur jetzigen politischen Situation. Er hoffe bei der anstehenden Landtagswahl auf ein starkes Ergebnis der demokratischen Parteien und, dass man sich nicht mit vermeintlich einfachen Antworten zufrieden gebe.

Thema ist in Nagold ein heißes Eisen

Auch Bürgermeister Hagen Breitling sah bei seiner Begrüßung im nahezu überfüllten Foyer des Rathauses ein richtiges Signal. "Unangenehme Fragen müssen weiter gestellt werden", appellierte er an die Anwesenden. Eine Aufarbeitung wie diese zeige, dass man in Deutschland richtig unterwegs sei – auch in kleineren Destinationen. "Die Dinge geschehen nicht immer nur irgendwo in der Welt, sondern auch in Europa und direkt vor der Haustür", erklärte er.

Doch das Thema Judenverfolgung ist in Nagold ein heißes Eisen, wusste Stängle zu berichten. Als er damals in die Stadt kam, habe man ihm geraten, das Thema ruhen zu lassen.

Im Rahmen des Projektes seiner 9b befasste der Lehrer sich genauer mit der Aufarbeitung der Judenverfolgung im Raum Nagold. "Die ersten lokalhistorischen Arbeiten 1971 hatten einen apologetischen Ansatz. Man wollte zeigen, dass Nagold nicht die 'Hochburg der NSDAP' war", erzählte er. Von einem Paradigmenwechsel könne man erst 1981 mit Oberbürgermeister Joachim Schultis sprechen.

Es folgten Zeitzeugenbefragungen, Forschungen und Beiträge. Der jüngste und in seiner Art für die Region einzigartig ist der der CHR-Jungs Jeremias Viehweg, Sebastian Röhrle, Kevin Schmitt, Fabian Gote und Pascal Grimm. Für ihren Beitrag waren sie 2015 bereits mit dem "Landessieger Baden-Württemberg" beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet worden.

Stängle erhofft sich von der Ausstellung vor allem eine fruchtbare Diskussion. "Es ist wichtig, sich am Übergang der Generationen dem Thema neu zu widmen. Wie können die aufkommenden Fragen ohne Zeitzeugen ins kulturelle und politische Gedächtnis übermittelt werden?", stellte er die zentrale Frage. Vielleicht kämen ja beim Betrachten der Tafeln sogar Dinge hoch, die so noch nicht im öffentlichen Bewusstsein wären, regte er die Besucher zum Reflektieren an.

Bis zum 14. April kann die Ausstellung noch im Rathaus besucht werden. Weitere Vorträge finden im März und April statt.

Die Ausstellung ist wie folgt geöffnet Montag bis Mittwoch von 8 bis 16.45 Uhr, Donnerstag von 8 bis 18 Uhr und Freitag von 8 bis 12.30 Uhr.

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