Nagold Er redet niemandem nach dem Mund

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Rund zwanzig Zuhörer kamen zum Wahlkampf-Bürgergespräch mit Oberbürgermeister Jürgen Großmann, der derzeit in den Nagolder Ortsteilen um Zustimmung für seine Wiederwahl buhlt. Fotos: Kunert Foto: Schwarzwälder-Bote

Am 9. Oktober ist Oberbürgermeisterwahl in Nagold. Bekanntlich einziger Kandidat: Amtsinhaber Jürgen Großmann. Bei einer solchen Konstellation gibt es eigentlich nicht wirklich einen echten Wahlkampf. Aber um möglichst viel Zustimmung wirbt der OB trotzdem. Mit Bürgergesprächen.

Nagold-Vollmaringen. An diesem Abend ist er in der "Linde" im Nagolder Ortsteil Vollmaringen zu Gast. Auf die Minute genau ist er pünktlich, kommt direkt von einer Festveranstaltung der RAL-Gütegemeinschaft in den Räumen der Digel AG auf dem nahen Wolfsberg.

Knapp 20 Zuhörer sind gekommen. Vor exakt acht Jahren habe er am gleichen Ort vor genauso vielen Menschen um die Wahl zum Oberbürgermeister geworben, erinnert sich Großmann. "Respekt, dass sie auch diesmal alle gekommen sind." Komplimente kommen immer gut an. Aber Großmann redet auch Klartext, auch dann, wenn es den Vollmaringern mal richtig gegen den Strich geht. Wie beim Thema Belegung der Vollmaringer "Halle": Gerade zur Fasnet seien die Auflagen, Kosten und Vorschriften mittlerweile so ausgeufert, dass man zum Beispiel die Veranstaltung zum Schmutzigen Donnerstag absagen musste. Könnte man da nicht mal seitens der Stadt großzügiger sein?

Auf keinen Fall, sagt der OB. Im Interesse der Vereine selbst. Wenn denn doch mal was passiere, säßen die eigenen Vorstände "auf der Anklagebank". Und der OB listet die dramatische Fälle auch aus der Region auf, bei denen eben dann doch mal das passiert ist, was vorher so gänzlich unwahrscheinlich schien.

Eine andere "offene Flanke" der Vollmaringer spricht Großmann in seinem knapp halbstündigen Einführungsvortrag gleich selbst an: Vor acht Jahren versprach er den Vollmaringern ein neues Feuerwehrgerätehaus. Auf das wartet man hier im Ort immer noch, weil, wie der OB Abbitte leistet, nur einen Monat nach seinem Amtseintritt sich das Schietinger Gerätehaus mit desolater Bausubstanz ganz nach oben auf die Prioritätenliste schob. "Da mussten wir zuerst reagieren." Dann der Kraftakt Landesgartenschau. Aber jetzt endlich sei auch die Vollmaringer Feuerwehr langsam auf der Zielgraden mit ihrem Neubauprojekt. "Diesmal klappt’s", verspricht Großmann.

Ein echtes Neubaugebiet ausweisen

Aber das wichtigste Thema an diesem Abend: Wohnen. "Und noch mal Wohnen", wie der OB auch selbst sagt. Nagold, und damit auch Vollmaringen, ist auf extremen Expansionskurs. Den wünscht man sich auch in Vollmaringen – noch viel stärker und schneller als bisher.

Vollmaringens Ortsvorsteher Daniel Steinrode hat nur einen echten Kritikpunkt an den Rathaus-Chef: "Die Geschwindigkeit, mit der Wohnbauprojekte" auf die Bahn gebracht und umgesetzt werden. Vorschlag aus der Runde: Den Pfrund nutzen, den man mit der Lage zur Autobahn hin habe, und ein echtes Neubaugebiet ausweisen – damit man wieder mit mehr (jungen) Neubürgern wuchern könne, die man sich in den örtlichen Vereinen wünsche. Und deren Kinder in der örtliche Grundschule und der Kinderbetreuung, um diese besser auszulasten – und deren Erhalt langfristig zu sichern.

Für ein echtes Neubaugebiet sei die Zeit noch zu früh, sagt der OB. Vorher wolle man weiter die Innenorts-Lagen "verdichten". Für das Krone-Areal in Vollmaringen seien frisch die Kaufverträge unterzeichnet, ein Investor gefunden, eine Geschosswohnanlage werde dort entstehen.

An der Gündringer Straße seien alle freien Plätze bereits vergeben, die Verhandlungen zur "Oberen Röte", wo es noch reichlich "Lücken" gebe, seien zwar schwierig. Aber genau wegen solche "schwierigen" Verhandlung wäre ein neues Baugebiet auf der grünen Wiese das falsche Signal.

"Wir brauchen den Druck auf dem Kessel für diese Verhandlungen", was meint: Auch die bestehenden Grundeigentümer müssten die Dringlichkeit verstehen, dass die gesamte Ortsgemeinschaft die Flächen für die Ortsentwicklung brauche. Da sei man auch in Vollmaringen seines eigenen Glückes Schmid. Manche hiesige Schwaben mit ihrem "Grundbesitz-Sparbuch" müssten dort noch etwas mehr Gemeinsinn lernen.

Nach eineinhalb Stunden ist der zwar etwas gehetzte, aber launige und erstaunlich konstruktive Schlagabtausch zwischen Vollmaringer Bürgern und ihrem OB fast zu Ende. Großmann, längst nicht mehr im Fest-Kittel, sondern hemdsärmelig, holt noch sein "rotes Buch" heraus, um sich die für ihn wichtigste und total neue Info des Abends zu notieren: Im Jahr 2019 kann die Vollmaringer Feuerwehr ihr 150jähriges Bestehen feiern. Zu diesem Jubiläum "muss" die Ortswehr ihr neues Domizil bezogen haben – so die Forderung aus der Runde, der sich der OB schwer entziehen kann. Sonst würde er zumindest für eine später vielleicht einmal dritte Amtszeit aus Vollmaringen ganz sicher keine Unterstützung mehr bekommen.

"Geldsack" liegt beim vorigen Termin

Noch eine Pointe am Rande: Als der OB am Ende seines Wahlkampf-Bürgergesprächs sein Getränk in der "Linde" zahlen wollte, musste er feststellen, dass er seinen "Geldsack" beim vorangehenden Termin vergessen hatte. Weshalb Ortsvorsteher Steinrode (SPD) in die Bresche springen musste, um die Zeche des CDU-Kandidaten Großmann zu bezahlen. "Hoffentlich gilt das jetzt nicht als verdeckte Wahlkampf-Finanzierung", lachte zurecht einer der übrigen Gäste.

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