Nagold - Der Weg eines Juristen ist lang, steinig aber jeden Meter wert. Das kann auch die neue Nummer eins im Nagolder Amtsgericht bestätigen: Hans-Georg Gawronski.

53 Jahre alt, stilvoll ohne spießig zu sein, ein Lebenslauf mit ganz unterschiedlichen Stationen und eine große Verbundenheit zu seiner Heimat im Nagoldtal – das ist Hans-Georg Gawronski. Der Wahl-Calwer hat zum 1. Februar seine Stelle als Direktor des Nagolder Amtsgerichts angetreten und löst damit Martin Lämmert ab. Dieser ging zum Ende des vergangenen Monats in den verdienten Ruhestand.

Sein "ausgeprägtes Interesse an sozialen und wirtschaftlichen Fragen" und die Neugier "wie das Gemeinwesen eigentlich wirklich funktioniert" haben Gawronski bei der Entscheidung, den Weg eines Juristen zu bestreiten, geprägt. Schon früh hatte der Familienrichter das Bedürfnis, sozial tätig zu sein, auch bei seiner Entscheidung, nach dem Abitur einen Freiwilligendienst in Norwegen zu absolvieren, bei dem er ein Jahr lang den Vorsitzenden des dortigen Körperbehindertenverbandes be­­treute. Die beiden wurden Freunde und halten bis heute Kontakt.

Sozialpädagogik oder Lehramtsstudium? Die große Frage stand im Raum. Ein Berufsberater hat dem aus Albstadt stammenden Richter schließlich das Studium der Rechtswissenschaften ans Herz gelegt. Weil mit diesem "sehr viele Möglichkeiten offen stehen", hieß es.

Ort des Jurastudiums: Tübingen. Die Stadt sah zu der Zeit anders aus, jedoch nicht das Gefühl Student zu sein. 180 Mark Miete, ein kleiner Holzofen in der Ecke und viele lange Abende mit den Kommilitonen. Das Studium, das winzige Zimmer in der Tübinger Altstadt, lässt den Richter in Erinnerung schwelgen: "Es war eine tolle Zeit." 1987, erstes Staatsexamen und eine Stelle als Referendar am Landgericht Hechingen. Es kam die Wende 1989, das zweite Staatsexamen und ein Wechsel in die Wirtschaft. Das Unternehmen hieß "G + H Montage", und Gawronski nahm eine Stelle als Assistent der Geschäftsführung an: "Wir waren ein Team aus jungen, engagierten Leuten mit internationalem Hintergrund. Gerade die Zeit nach der Wende war durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche spannend." Obwohl das Unternehmen ihn nur "ungern ziehen ließ", entschied sich Gawronski aber gegen Ende 1991 für die Justiz und zog aus der Pfalz zurück ins Schwäbische, da seine Frau eine Stelle als Lehrerin in Sindelfingen gefunden hatte. Wegen der Hilfe beim Aufbau der Justiz in den neuen Bundesländern waren viele Stellen in der baden-württembergischen Justiz vakant, und Gawronski begann seine Assessorenzeit bei der Staatsanwaltschaft Tübingen und am Amtsgericht in Calw. Nach einem Jahr am Landgericht in Stuttgart wurde die Stadt im Nagoldtal ab 1996 seine neue Heimat. Gawronski übernahm in Calw den Vorsitz des Jugendschöffengerichts – zehn Jahre lang. Nach einer weiteren eineinhalbjährigen Periode am Landgericht Tübingen wechselte er wieder nach Calw zum Erwachsenenschöffengericht. Außerdem war er längere Zeit für die Unterbringungsverfahren in der Psychiatrie in Hirsau zuständig, die ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben sind: "Die Richter sind mindestens zweimal die Woche vor Ort. Man hat eine große Verantwortung, weil man mitunter massiv in die Lebensläufe anderer Menschen eingreifen musste."

"Man muss immer in Bewegung bleiben"

2007 folgt eine kurze Abordnung zum Oberlandesgericht Stuttgart, dann geht’s wieder zum Erwachsenenschöffengericht nach Calw. "Man muss immer in Bewegung bleiben", kommentiert der Richter seine zahlreichen Stationen. Warum jetzt Nagold? "Direktor eines kleineren und so gut aufgestellten Amtsgerichts wie das in Nagold zu sein, war schon immer mein beruflicher Traum." Jetzt ist er in Erfüllung gegangen.

In Nagold wartet auf ihn erstmal eine Kennenlerntour bei den wichtigen Köpfen der Region – Oberbürgermeister, Landrat, Mitarbeiter des Jugendamtes, der Polizeirevierleiter stehen unter anderem auf der Liste. Auch in die offenen Fälle muss sich der neue Direktor erst einmal einarbeiten, denn auch wenn er als Direktor Verwaltungsaufgaben wahrnehmen muss, so ist er ganz überwiegend noch Richter. Unterstützt wird er hauptsächlich von Verwaltungsleiter Martin Demel, der schon seit 16 Jahren im Amtsgericht arbeitet – "die gute Seele des Hauses".