Nagold Autoren entführen in die Zaubergärten ihrer Vergangenheit

Schwarzwälder-Bote, 21.05.2012 21:01 Uhr

Von Dorothee Trommer Nagold. Zum Auftakt des vom Schwarzwälder Boten präsentierten Literaturfestivals "buch & beet" lasen am Sonntagabend vier Autoren im Kubus, die bereits am Nachmittag in Nagolder Privatgärten aus ihren Werken vorgetragen hatten. "Angelegt – der Garten meiner Kindheit" steht als Motto über dem Festival, das von Peter Reifsteck konzipiert und organisiert wird. Acht Autorinnen und Autoren haben eigens zu dem Anlass über ihren "Garten der Kindheit" geschrieben.

Der Schwarzwälder Autor José F. A. Oliver ist in Nagold durch seine Reise auf den Spuren der Flößer nach Amsterdam bekannt, welche er im Rahmen der Literaturtage "Holzwege", die 2008 in Nagold stattgefunden hatten, unternahm. Er moderierte den Abend im Kubus mit Fachwissen und Charme.

Den Auftakt machte Zehra Cirak, 1960 in Istanbul geboren und als kleines Kind nach Karlsruhe übergesiedelt. 2001 erhielt sie den Adelbert-von-Chamisso-Preis, der herausragende literarische Leistungen von Autoren würdigt, die deutsch schreiben, deren Muttersprache jedoch eine andere ist. Dies ist im Übrigen allen Autoren des Literaturfrühlings "buch & beet" gemeinsam. Ihr Text zu dem Garten ihrer Kindheit erzählt von Sommerferien, die unter Maulbeerbäumen verbracht werden, von den gemeinsamen Mittagessen – der Tisch wie eine Pflanze, die neun Kinder wie Blätter und die vielen Enkelkinder die Blüten. Der Großvater wird mit einer Wurzel verglichen, die sich in die Augustsonne gewagt hat. Heute steht ein buntes, lautes Einkaufszentrum an diesem Ort, wo eine kleine hölzerne Gartentür ihre Erinnerung geöffnet hat.

Auch Selim Özdogan hat türkische Eltern, er kam als kleines Kind nach Köln. Seit 1995 veröffentlicht er Romane, Geschichten und Kolumnen. Sein Text zum Garten der Kindheit ist nicht eindeutig autobiografisch, denn das Kind in der Geschichte wird als blond beschrieben. Die Mutter taucht als Außenseiterin, ja als vom Vater Verstoßene jeden Samstag mit ihrem alten Auto auf und verbringt mit dem Kind, dem "ich", entspannte Nachmittage im Garten, bis sie in ein unsicheres Schicksal entschwindet, das sie in einem Raum ganz ohne Pflanzen und Fenster einsperrt.

Zsuzsanna Gahse wurde 1946 in Budapest geboren, von dort "wurde sie geflüchtet", wie sie sagt. Die Autorin machte das Publikum vor ihrem Vortrag auf die aktuelle politische Situation in Ungarn aufmerksam, die von Unfreiheit und einem Rechtsruck geprägt sei – den sie übrigens auch generell wahrnehme.

In Zsuzsanna Gahses Beitrag zum Literaturfrühling berichtet sie von einer Eisenbahnfahrt im Nachtzug, im absoluten Nichtgarten, der sie am Schwarzwald vorbeiführt, wo dahinter irgendwo Nagold liegt. Damit will die Autorin deutlich machen, dass ihr Text, der von Blumenverkäufern in Budapest und Ausflügen auf die Margeriteninsel mitten in der Donau erzählt, eigens für "buch & beet" in Nagold geschrieben wurde.

Asfa-Wossen Asserate könnte den Titel "Kaiserliche Hoheit" beanspruchen, denn er ist ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Seine Stimme und schon der Beginn seines Textes versetzen einen sofort ins "Morgenland", in das literarische Reich der Orient-Träume. "Der Ostwind nahm den Prinzen auf seine Arme und trug ihn hinüber. Da sangen die Blumen und Blätter…", so entführte der Bestsellerautor in seinen Zaubergarten, den der Kaiserin.

 
 
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