Nagold Agraringenieur hilft in Tansania
Schwarzwälder-Bote, 10.08.2012 18:01 Uhr
Ulrich Katz erklärt Einheimischen in Burega, wie biologischer Anbau auf einem Maisfeld funktioniert. Foto: KatzFoto: Schwarzwälder-Bote
Von Babette Staiger Nagold-Hochdorf. Als Agraringenieur könnte der Hochdorfer Ulrich Katz in Deutschland gut eine Familie gründen und das bequeme Leben irgendwo auf einem Landwirtschaftlichen Großbetrieb genießen. Doch er entschied sich vor fünf Jahren für ein ganz anderes Leben: in Afrika.Im fernen West-Tansania, im Dorf Burega, in der Nähe der Provinzhauptstadt Kigoma, geben er und seine Frau ihr Wissen und ihre Erfahrungen als Agraringenieur und Krankenschwester an junge Menschen weiter. Das Ziel ist es, diesen in einer Dorfgemeinschaft zu helfen, selbstständige, verantwortungsvolle Menschen zu werden, die eines Tages auf eigenen Füßen stehen können.
Die Motivation für dieses Projekt mit Jugendlichen schöpft das Ehepaar Katz zum einen aus seinem christlichen Glauben, zum anderen aber auch aus den sozialen Problemen in West-Tansania. Viele junge Menschen leben in Armut und haben kaum Schulbildung, geschweige denn eine Berufsausbildung. Ihnen einen neuen Halt im Leben zu geben und eine berufliche Perspektive, hat sich Ulrich Katz zur Aufgabe gemacht.
Auf einem Schweizer Militärrad kam Katz einst in Burega an
Dass es so kommen würde, hat sich der gebürtige Hochdorfer am Ende seines agrarwissenschaftlichen Studiums nicht gedacht. Oder vielleicht doch? Ausschlaggebend waren sicher die regelmäßigen Familienurlaube in der Schweiz, die ihn in Kontakt mit dem Missionswerk der schweizerischen Sonntagsschulen brachten. Andererseits wuchs Katz, wie er selbst sagt, "in einer stabilen christlichen Familie" auf. "Ich habe ein Vorrecht von Gott genossen. Ich musste nie einen Pfennig für meine Schulbildung bezahlen, das ist mir in Tansania erst bewusst geworden", sagt er. Denn dort sieht es anders aus. Wenn junge Leute dort Schulbildung haben, dann kommen sie selbst mit 18 Jahren nicht über das Niveau eines Drittklässlers hinaus. Die Eltern zahlen für ihre Verhältnisse teures Schulgeld. Vorbereitet auf Tansania hat Katz auch seine langjährige kirchliche Jugendarbeit in Hochdorf und im Studium.
In Afrika angekommen, hatte er erst einmal acht Monate Bedenkzeit. Die brauchte er auch. Sein erstes Erlebnis: Eine abenteuerliche Fahrradfahrt von Kigoma nach Burenga mit dem ansässigen Missionar. "Nach fünf Kilometern Sandpiste auf einem alten schweizer Militärrad kam ich dort an und fand ein Haus, verwilderte Felder und den Tanganjikasee vor, das war alles", beschreibt er die riesige Herausforderung.
Die größte Aufgabe sind aber die Menschen, die in Burega ein neues Leben bekommen sollen. "Wir werden wöchentlich mit Fällen konfrontiert, von denen man sich im ersten Moment erst einmal überrollt fühlt", gesteht er. Damit meint er Jugendschwangerschaften, Menschen, die auf der Flucht aus Uganda oder Ruanda schwere Traumata mitgebracht haben. Katz und seine Frau Tabea leben in einer Art Wohngemeinschaft mit zehn einheimischen Mitarbeitern und etwa noch einmal so vielen Auszubildenden zusammen. Katz fängt also nicht mit materiellen Hilfen an, sondern er wendet sich zuerst den Menschen zu.
Leben in christlicher Gemeinschaft soll Menschen verändern
Doch Gottesdienste und Taufen sucht man vergeblich in Burega. Familie Katz teilt den Alltag mit den Menschen. Denn der Schlüssel zu einer positiven Veränderung ist für sie das Leben in einer christlichen Gemeinschaft. Die Regeln stammen aus der Bibel. Wer dabei sein will, muss damit einverstanden sein. "Viele Tansanier sind zwar getauft und gehen in die Kirche, aber sie stellen keinen Zusammenhang her zwischen ihrem Glauben und ihrem Handeln." Ulrich Katz erklärt das am Beispiel eines Brunnens, den er zunächst selbst wieder in Schuss brachte und den Unterhalt dann den Dorfbewohnern überließ. Zuerst seien in kürzester Zeit das Seil und der Eimer kaputt gegangen. Die Dorfbewohner konnten sich monatelang nicht einig werden, wer für den Unterhalt des Brunnens zuständig sei. Ethnische Konflikte, alte Feindschaften brachen beim Streit um den Brunnen wieder auf. Katz ermutigte die Menschen, den Konflikt auszuhalten und weiter miteinander zu reden. "Jetzt legen sie gemeinsam Geld für den Brunnen zurück, und der Eimer hält länger", erzählt er. Katz ist überzeugt, dass die Menschen in Tansania viele Probleme selbst meistern könnten. Er sieht seine Missionsstation in Burega als Schritt dorthin.
Die nächsten Ziele für das Dorf stehen fest. Nächstes Jahr soll das Ausbildungsprogramm auf zwei Jahre ausgedehnt werden. 20 Auszubildende will Katz dann aufnehmen. Ein neues Wohnhaus muss gebaut werden für diese und eines für seine kleine Familie, denn bald ist das Ehepaar zu dritt.
So viel Mühsal, ein Leben lang? Burega gebe ihm etwas, das mehr wert sei als Geld, sagt Ulrich Katz: "In Deutschland kann ich nach einem harten Arbeitstag kein erholsames Bad im Taganjikasee nehmen."


