Stuttgart - Ist Europa gegenwärtig mehr als eine Ansammlung von Problemen? Gibt es noch eine Idee für den Schulterschluss der Nationen? Wir fragen nach – bei Kulturvermittlern ebenso wie bei Managern. Im Dialog: Mehmet Varlik , Ingenieur und Manager in der Region Stuttgart.


Herr Varlik, wenn ein Jugendlicher Sie fragt, was für Sie Europa ist – was antworten Sie?
„Europa ist unsere Heimat!“ Dabei ist mir bewusst, dass der Begriff Heimat sich eher durch Emotionen als durch Sachthemen definieren lässt. Deshalb verstehe ich nicht, dass wir seit einiger Zeit Europa in der öffentlichen Wahrnehmung ausschließlich mit Problemen und Zukunftsängsten in Verbindung bringen. Dabei eröffnet ein vereinigtes Europa besonders jungen Menschen ganz neue Perspektiven, etwa beim Einstieg ins Berufsleben oder beim Sammeln der für die Zukunft so wichtigen Lebenserfahrungen mit anderen Kulturen und Mentalitäten. Um der Jugend diese Chancen zu vermitteln, müssten wir uns mehr Zeit nehmen.

Sie haben die Chancen betont. Wissen die Europäer Ihrer Meinung nach um ihre eigenen Möglichkeiten?
Die meisten Europäer beschäftigen sich zurzeit leider nur mit sich selbst. Aufgrund der kritischen Situation in einigen EU-Staaten ist das auch völlig verständlich. Trotzdem ist es höchste Zeit, dass wir damit anfangen, uns die großartigen Chancen bewusst zu machen, die uns ein vereinigtes Europa bietet. Einerseits wird es uns helfen, die aktuelle negative Stimmung zu mildern. Andererseits wird die Zeit hoffentlich bald kommen, dass Europa durch Nutzung dieser Chancen und Synergien seine weltweite Positionierung deutlich verbessert.

Europa versteht sich als Hort der Freiheit, wird aus der Sicht anderer Kontinente aber auch als „Festung“ wahrgenommen. Liegt vielleicht auch hierhin eine reale Gefahr – in dem Sinn, dass eine „Festung“ absichernde Systeme forciert?
Ein verschlossenes Europa kann keinen ­offenen Dialog mit der Welt führen und auch nicht seinen internationalen Einfluss ausbauen und den Welthandel maßgeblich beeinflussen. Europa muss das rechtzeitig erkennen und sich entsprechend öffnen. Zurzeit beschweren sich einige Länder außerhalb der EU, die mit Deutschland intensiven Handel betreiben, über große Probleme mit den strengen Visumbestimmungen in Deutschland für ihre ­entsandten Mitarbeiter. Ähnliches wird aus Kulturkreisen berichtet, etwa, dass ausländische Künstler ihre lang geplanten Veranstaltungen in Deutschland nicht durchführen können, weil sie zu spät ein ­Visum für die Einreise nach Deutschland erhalten. Solche Ereignisse schaden dem ­europäischen Gedanken und dürfen nicht vorkommen.

Bisher kannte man hohe Jugendarbeitslosigkeit, insbesondere rasant steigende Quoten bei jungen Männern, nur aus Schwellenländern beziehungsweise Drittweltstaaten. Ist Europa auf die Spannungen, die sich in Spanien, Griechenland und Italien, nun aber auch in Frankreich aufbauen, vorbereitet?
Nein, dafür kamen die Spannungen einfach zu schnell und unerwartet. Noch vor fünf ­Jahren haben deutsche Hochschulabgänger sehr gute Berufseinstiegschancen in ­Spanien gehabt, da die hiesige Wirtschaft auf Hochtouren lief. Heute ist es umgekehrt. Dass die spanischen Jugendlichen heute ­diese Möglichkeiten in Deutschland haben, verdanken sie dem europäischen Gedanken. Gleichzeitig erfahren sie, wie wichtig eine gute Berufsbildung nach weltweiten ­Maßstäben sowie zusätzlich Inter­na­tio­nalität und kulturelle ­Offenheit ­geworden sind.

Sie sind Präsident des Rotary-Clubs Stuttgart. Rotary versteht sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft. Sehen Sie in diesem Zusammenhang Organisationen wie Rotary künftig stärker in der Pflicht?
Rotary ist eine international aktive Vereinigung von berufstätigen Menschen, die den persönlichen Dienst am Gemeinwohl zur eigenen Mission gemacht haben. Die ­Mitglieder verschiedener Nationalitäten, Religionszugehörigkeiten und politischer Orientierungen engagieren sich weltweit für Frieden, Völkerverständigung und die Schaffung menschenwürdiger Lebens­bedingungen. Damit zeigt Rotary seit über 100 Jahren, wie gut ein weltweites Berufsnetzwerk funktionieren kann. Insofern ­würde es dem europäischen Gedanken ­helfen, wenn Rotary und ähnliche Organisationen den internationalen Dialog sowie die guten weltweiten Beziehungen öffentlich mehr thematisieren würden.

Sie haben die Beziehungen angesprochen. Welche Rolle aber spielt aus Ihrer Sicht der Faktor Leistungsbereitschaft für all dieses? Brauchen Innovationen, auch gesellschaftliche, nicht besondere Schubkraft der­ ­Umsetzung?
Die hohe Leistungsbereitschaft machen uns momentan einige Länder außerhalb Europas vor. Viele Kämpfer der europäischen Idee, die für Schubkraft sorgen könnten, sind zurzeit verstummt. Ich bin sicher, dass die ­Leistungsbereitschaft auch bei uns ­steigen wird, wenn die Menschen die Chancen ­erkennen und verinnerlichen, die Europa ­ihnen bietet. Zuerst müssen wir in der öffentlichen Wahrnehmung den Weg von der negativen Stimmung, die zurzeit an Europa haftet, zu einer positiven Grundeinstellung schaffen, die von den großartigen zukünftigen Potenzialen gestützt wird.

Umgekehrt: Welche Chancen sehen Sie in partizipativen Strukturen für eine Weiterentwicklung Europas?
Auf den ersten Blick mögen sie als innovationshemmend erscheinen. Meines Erachtens kann eine ernst gemeinte und konsequente Bürgerbeteiligung Fehlentwick­lungen auf allen Gebieten rechtzeitig vorbeugen und damit die Produktivität erhöhen. Abgesehen davon sind die partizipativen Strukturen eine der größten Stärken von Europa als weltweite Hochburg der ­Demokratie.

Europa war immer Schauplatz erheblicher Wanderungsbewegungen. In Deutschland scheint die Diskussion über Migration auf den Dialog beziehungsweise Nichtdialog von Christen und Muslimen beschränkt. Welche Möglichkeiten einer neuen Offenheit in alle Richtungen sehen Sie?
Die Religion ist ein wichtiges Element im Wertesystem der Menschen. Wir dürfen aber bei der Zuwanderung in Europa nicht alle anderen Themen ausblenden. Es geht ­darum, dass die Einheimischen und die ­Zuwanderer in Europa friedlich und in guter nachbarschaftlicher Beziehung zusammenleben. Ein offener Dialog auf gleicher ­Augenhöhe und die Bereitschaft, sich auf fremde Kulturen einzulassen, sind hier ­unumgänglich. Nur die Kenntnis und das Verständnis der anderen Kultur und ­Mentalität können zur gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz führen. Und nur so können sich die Kulturen gegenseitig bereichern. Das Ziel ist, dass die Menschen unterschiedlicher Herkunft nicht nebeneinander, ­sondern miteinander in einer Kulturgemeinschaft leben und sich dieser Gemeinschaft zugehörig fühlen, ja ­sogar stolz darauf sind, Bestandteil dieser zu sein. Diesen Zustand muss Europa konsequent anstreben und­­ ­hoffentlich noch in ­diesem Jahrzehnt ­erreichen.
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