Stuttgart - Ist Europa gegenwärtig mehr als eine Ansammlung von Problemen? Gibt es noch eine Idee für den Schulterschluss der Nationen? Wir fragen nach – bei Kulturvermittlern ebenso wie bei Managern. An diesem Montag im Dialog: Jean-Baptiste Joly, Direktor der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Joly fordert ein neues Miteinander von Wissenschaft und Kunst.

Herr Joly, Sie sind Franzose, arbeiten in Deutschland und agieren als Direktor der Akademie Schloss Solitude als europäischer Netzwerker. Als was fühlen Sie sich zuvorderst – als Franzose, als Stuttgarter oder als ­Europäer?

Es kommt sehr auf die Situation an: Wenn ich mich in Stuttgart an den Gesprächen zu „Kultur im Dialog“ beteilige, bin ich Stuttgarter, wenn ich an einem Symposium mit Deutschen, Griechen und Franzosen in Athen teilnehme oder mich wie gerade jetzt an dem Literaturfestival „Heimat – Haza – Home“ in Budapest beteilige, bin ich Europäer, und wenn ich am Deutsch-Französischen Kulturrat in Berlin teilnehme, bin ich selbstverständlich auf deutscher Seite. Beim täglichen Lesen meiner Tageszeitung „Le Monde“ und beim täglichen Lösen des ausgeklügelten Kreuzworträtsels bin ich ganz der Franzose. Die mentale Karte, die man im Kopf hat, ist viel komplizierter geworden: Wohnort und Steuern hier, Bürgerrechte dort, Verwandtschaft in einem dritten Land. Diese komplexe Realität teilen sehr viele Menschen in Europa.

Europa scheint Sie zu faszinieren. Als Idee oder auch als gelebte Realität?

Faszinieren ist nicht unbedingt das richtige Wort. Europa ist mir zugleich Glaube und Verpflichtung. Viel mehr als eine Idee ist Europa ein Ideal, wie der Begriff der Nation zu Zeiten der Französischen Revolution ein Ideal war. Als gelebte Realität ist Europa noch nicht für alle präsent. Von Solitude aus habe ich das große Glück, dass ich ganz Europa im Visier haben kann: In Kontakt mit verschiedenen europäischen Metropolen weiß ich, wie die Lebensbedingungen von Künstlern und die Stimmung in den jeweiligen Kulturszenen sind. Insofern erlebe ich Europa in der Tat als Realität. Auch wenn das Ideal eines integrierten Europas noch fern vor uns liegt, so hat sich Europa, das vor 25 Jahren noch geteilt war, in den letzten Jahren viel weiter entwickelt, als viele glauben. Die Bewegungsfreiheit innerhalb Europas gilt heutzutage als eine Selbstverständlichkeit; haben wir nicht vorschnell vergessen, was es in den 1970er oder 1980er Jahren hieß, von Stuttgart nach Budapest oder Moskau zu fahren? Ob und wie wir heute davon Gebrauch machen, ist eine andere Frage.

Schätzen wir vielleicht die Chancen der Gegenwart nicht hoch genug?

Ja, genau das ist es. Das Problem ist nicht neu, es ist vor allem extrem komplex, denn Europa setzt stets widersprüchliche Zeichen in die Welt. Hier einige Beispiele aus dem Sektor, den ich kenne: Auf der einen Seite sind manche Maßnahmen extrem positiv, wie etwa die Förderung der Mobilität von Studierenden mit Stipendien, Finanzierung von Kooperationsprojekten in Forschung und Kunst. Auf der anderen Seite setzt sich die Kommission für Regulierungsmaßnahmen ein, die im Namen der Konkurrenz die Autorenrechte von Künstlern, Komponisten und Autoren stark gefährden. Europa hat nicht nur kein Gesicht, sondern auch keine klare Linie, die zeigen würde, was es wirklich mit uns beabsichtigt. Auf nationaler Ebene schließlich haben Politiker ein leichtes Spiel, dieses gesichtslose Europa mit einem demagogischen Diskurs zu diskreditieren, und vertreten dabei ausschnitthafte und kurzfristige Interessen.

Die Akademie Schloss Solitude ist eine Fördereinrichtung für hochbegabte Kunstschaffende aus ganz Europa. Wie erleben Sie diesen ständigen Austausch?

Nicht nur Kunstschaffende aus Europa, sondern aus der ganzen Welt! Seit Eröffnung im Jahre 1990 haben wir mehr als 1100 Stipendiaten aus über 105 Ländern eingeladen und gefördert. Der Austausch, den wir dadurch erleben, ist intensiv und hält die Akademie in ständiger Bewegung. Bemerkenswert dabei ist, dass die Künstler aus europäischen Ländern sich meistens nicht primär als Europäer bezeichnen würden! Seltsamerweise sind es aber die Nicht-Europäer, die Amerikaner, die Japaner oder die Inder, die uns als Europäer sehen und erkennen. Viele Gäste der Akademie haben ihre europäische Zugehörigkeit erst durch diesen Blick von außen empfunden.

Solitude hatte zuletzt viele Stipendiaten aus den baltischen Staaten oder auch aus Rumänien. Wie gehen die jungen Künstlerinnen und Künstler aus Ihrer Sicht mit dem politischen Roll Back, der Rückwärtsbewegung in autokratische Strukturen um?

Die Akademie Solitude organisierte jüngst zusammen mit dem Stuttgarter Literaturhaus und dem Jozsef-Attila-Kreis in Budapest ein internationales Literaturfestival. Mit diesem Festival wollen wir unseren ungarischen Freunden mitteilen, dass wir sie von Deutschland aus wahrnehmen, dass wir ihre Werke lesen und publizieren, dass die Debatten, die sie zurzeit in ihrem Land zu führen haben, nicht nur Ungarn betreffen, sondern ganz Europa. Diese Rückwärtsbewegung dürfen wir nicht ausschließlich unter einem nationalen Gesichtspunkt sehen. Es ist ein allgemein europäisches Phänomen, das als solches aufgefasst werden muss und uns als Europäer alle angeht.

Entstanden aus einer gemeinsamen Wirtschaftszone hat das Europa nach 1945 nach und nach seinen technokratischen Charakter verloren. Ist im Gegenzug aber wirklich genug getan worden, um die Idee Realität werden zu lassen, dass Europa mehr sein könnte als eine zollfreie Bühne?

Dem ist leider nicht so. Europa ist zurzeit in erster Linie eine riesige technokratische Maschine, deren Mechanismen nicht leicht durchschaubar sind. Das Erscheinungsbild Europas ist katastrophal negativ, weil es nicht in der Lage ist, das Ideal, das es darstellen könnte, zu vermitteln. Vorhin erwähnte ich die fantastischen Möglichkeiten der Kulturförderung auf europäischer Ebene. Das ist die eine, gute Seite. Auf der anderen Seite sind die unverständlichen, viel zu komplizierten Anträge, die man dafür ausfüllen muss, und vor allem die undurchschaubaren Entscheidungswege über die Förderung. Vor einigen Jahren war ich Mitglied in einer Jury der europäischen Kommission. Als Juror habe ich nicht einmal verstehen können, wie am Ende der Begutachtung diese Entscheidungen und vor allem von wem sie getroffen werden!

Die Finanz- und Wirtschaftskrise reißt Griechenland, Spanien, aber auch Italien tief in eine Abhängigkeit zentraler Steuerungsentscheidungen. Welche Folgen hat dies für die Idee, von der Sie eben sprachen?

Es wird ganz einfach den europäischen Elan für viele Jahre gebrochen haben. Wenn Sie mich jetzt fragen würden, wie dieses ver­mieden werden könnte, so würde ich antworten: Die jetzige Krise, die als Wirtschaftskrise bezeichnet wird, ist eine Krise politischer Natur, sie hat unmittelbar mit den Regierungsmechanismen in Europa zu tun, auf nationaler wie auf europäischer Ebene. Wir brauchen eine neue, europäische Revolution!

Aktuell wird für die Identifikation von Fragestellungen zu gesellschaftlichen Realitäten gerne wieder das bereits in den ausgehenden 1980er Jahren breit diskutierte künstlerische oder andere Wissen künstlerischer Forschung angeführt. Ist das mehr Ausdruck einer Hilflosigkeit gerade der Kunst, die Sorge, sonst gänzlich zur Dekoration zu verkommen, oder tatsächlich ein Anspruch?

Das System der Kunst und das System der Wissenschaften schauen sich an wie die Bewohner des Mondes und die der Erde, die im anderen alle Vorteile zu erkennen glauben, die sie bei sich selbst vermissen. Die Kunst beneidet die Wissenschaften um ihre Autorität, die Wissenschaft beneidet die Kunst um ihre öffentliche Sichtbarkeit. Aber Spaß beiseite, seit ungefähr 50 Jahren rückte der Entstehungsprozess von Kunst in das Blickfeld der Öffentlichkeit, nicht mehr nur das Werk zählt, sondern die ästhetische Praxis, die dazu geführt hat. Diese Praxis wird gerne mit Forschung verglichen, obwohl sie den strikten Regeln wissenschaftlicher Beweisführung keineswegs folgt. Die Wissenschaften ihrerseits leiden unter dem Mangel am „Public Understanding of Science“ und sehen zu, wie unsere visuelle Zivilisation fast nur noch über Bilder kommuniziert, woran die Menschen eher geneigt sind zu glauben als an eine mathematische Erklärung, die sie nicht verstehen. Die Wissenschaften suchen im Moment händeringend nach glaubwürdigen Bildern!

Welchen Anspruch könnte denn dann das „andere Wissen“ für Europa formulieren?

Es wäre ein Wissen, das anders an soziale und ökonomische Fragen herangehen würde, das von der Fähigkeit der Bürger ausgehen würde, sich zu engagieren.

Sie haben sich über die lokale Kulturpolitik immer auch sehr direkt für den interkulturellen Dialog vor Ort engagiert. Beginnt Europa für Sie vielleicht in den Quartieren unserer Städte?

Aber sicher! In einer Stadt wie Stuttgart, in der die Integration gut funktioniert, ist es doch ein Leichtes, dafür die nichtdeutschen Mitbürger zu aktivieren! Es geht heutzutage nicht mehr darum, das Kultur- oder Wissensdefizit von Migranten allgemein ausgleichen zu wollen, sondern deren positive Fähigkeiten, deren kulturelles Wissen in die Entscheidungen der Stadt aufzunehmen. Die Stadt ist tatsächlich reich um das andere Wissen ihrer vielen Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund! Denn wir alle, die zum größten Teil aus anderen europäischen Ländern nach Stuttgart gekommen sind, wir wissen sehr wohl, was wir Europa zu verdanken haben!