Mühlenbach - 28 blinde und sehbehinderte Schachspieler aus Südwestdeutschland, Belgien, der Schweiz und Frankreich messen sich bis Samstag bei einem Turnier in Mühlenbach. Bei den Partien sind jeweils zwei Bretter auf dem Tisch. Trotz harter Duelle ist das Gewinnen Nebensache.

Stephan Raabe beugt sich leicht nach vorne. Die Nase des 35-Jährigen ist nur wenige Zentimeter von den dunkelbraunen Schachfiguren auf dem Holztisch entfernt. Mit den zehn Prozent Sehkraft im rechten Auge fixiert er das Brett. Auf dem linken Auge leicht nach innen schielenden Auge ist er blind.

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Seine Überlegungen zum nächsten Zug werden vom Ticken der Schachuhr begleitet. Zu hören sind sonst nur die leisen Stimmen der anderen 27 blinden und sehbehinderten Schachspieler im Konferenzraum des Schwarzwaldhotels Roter Bühl in Mühlenbach.

Züge werden in Aufnahmegerät gesprochen

"Bauer von Emil zwei auf Emil vier", sagt Raabe zu seinem Gegenüber. Er greift seine Figur und zieht sie zwei Felder nach vorne. Sein Schweizer Gegner macht den gleichen Zug auf seinem eigenen Brett. Zudem spricht der Kontrahent die Aktion in ein kleines Aufnahmegerät. Damit kann er die vorherigen Züge jederzeit nachhören. Seine Finger gleiten unentwegt über die Figuren. Immer wieder prüft er, wo seine und die des Gegners stehen. Mit der dunklen Sonnenbrille und der goldenen Uhr sieht er aus wie ein Pokerspieler.

Raabe ist seit zweieinhalb Jahren in einem Stuttgarter Schachverein. Er ist der einzige Sehbehinderte dort. Gegen Menschen mit guten Augen zu spielen, ist für ihn normal. Dass er bei den Partien sein eigenes Brett benötigt, hat noch keinen gestört. "Ich finde es beeindruckend, wie problemlos das klappt", sagt der gelernte Masseur.

Wie alle sehbehinderten Spieler hat er sein eigenes Equipment immer dabei. Seine schwarzen Figuren haben eine kleine Metallspitze. So kann er sie mit den Fingern von den weißen Figuren unterscheiden. Diese werden nicht auf das Brett gestellt, sondern in kleine Löcher gesteckt. So können die fühlenden Finger sie nicht umwerfen. Die dunklen Felder des Bretts sind zudem erhöht. Auch das dient der Unterscheidung von den hellen Feldern. Als Regel gilt nicht "berührt – geführt", sonder "gezogen – geführt".

Beim Turnier des Bezirks Südwest des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbunds (DBSB) in Mühlenbach ist Raabe zum ersten Mal. Mit den anderen spielt er seit Montag bis Samstag täglich ab 14 Uhr. "Für mich sind das sechs Tage Urlaub mit Schachspiel", sagt Raabe und lacht. Für ihn geht es mehr ums Dabeisein als um den Sieg. Er schätzt den Austausch mit Gleichgesinnten, vor allem abends an der Hotelbar.

"Die Stimmung ist sehr familiär", sagt Gert Schulz, der Organisator des Schachturniers. Der 48-jährige Frührentner hat nur ein Prozent Sehstärke. Er trägt eine grün getönte Sonnenbrille und begrüßt den Journalisten mit einem präzisen Händeschütteln. Seit vier Jahren organisiert Schulz das Bezirksturnier in Mühlenbach. Auf der Bundesrangliste des DBSB ist er auf Platz zwölf. Aktiver Schachspieler ist er seit 1977.

Ein Höhepunkt seiner Karriere war die Teilnahme an einer Blindenweltmeisterschaft in der Türkei. Getoppt wurde das nur von einem Erlebnis: "Vor ein paar Jahren habe ich eine chinesische Nationalspielerin geschlagen – eine sehende."

Beim Turnier am Nachmittag sitzt er nur wenige Meter neben Raabe am Tisch. Sein Kopf ist noch deutlich näher an den Figuren als der von Raabe. Trotz seiner schlechten Augen nutzt er nicht wie anderen Spieler im Raum die Blindenschrift, um seine Züge zu notieren. "Ich bin zu alt, um das zu lernen. Meine Fingerkuppen sind nicht sensibel genug", sagt der ehemalige Bankfachwirt. Auch er spricht die Züge in ein Mikrofon.

Ein Missverständnis am Schachbrett muss ausgeräumt werden

Raabe hat nebenan gerade ein Missverständnis zu klären. Sein Gegner will einen Zug machen, der nicht möglich ist. Im Gespräch regeln die beiden, was schief gelaufen ist. Sein Gegner hatte offenbar eine Aktion nicht richtig verstanden und eine Figur falsch platziert. "Solche Missverständnisse sind die Ausnahme", erklärt Raabe gelassen. Präzise Kommunikation ist im Blindenschach elementar. Deswegen werden die Züge im Telefonalphabet angesagt. Das E wird so zu Emil, das D zu Dora.

Einige Züge später macht der Schweizer Gegner einen Fehler. Raabe nutzt die Gelegenheit und schlägt die Dame. Von da an ist es ein Katz-und-Maus-Spiel. Stück für Stück dezimiert er das Figurenarsenal seines Gegenübers. Am Ende setzt er ihn schachmatt. "Das war eine zähe Partie, aber keine enge", sagt Raabe. Er hält sich für keinen außergewöhnlichen Schachspieler, liebt es aber, zu gewinnen. "Das Schöne an dem Spiel ist, dass nichts dem Zufall überlassen wird. Schach ist ein Knobelspiel – ein geselliger Kampf." Der Sieg war der erste im zweiten Spiel in Mühlenbach. Die Partie am ersten Tag hatte er verloren. Mit dem Preisgeld für den Gesamtsieg rechnet er nicht. Das ist beim Bezirksturnier in Mühlenbach auch nicht so wichtig. Es geht schließlich nur um 100 Euro.

Im Bezirk Südwest des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbunds (DBSB) sind derzeit rund 50 Mitglieder, informiert Bezirksleiter Gert Schulz. Bundesweit seien es 270. "Vor einigen Jahren waren es mehr. Da hatten wir in Deutschland rund 300 und im Bezirk 60 registrierte Spieler", so Schulz. Das liege daran, dass viele Spieler ins Alter kommen. Der Nachwuchs sei rar.

Um Turniere wie das in Mühlenbach (siehe Haupttext) ausrichten zu können, wird mit Verbänden aus anderen Ländern zusammengearbeitet. Bei der Veranstaltung sind Schachspieler aus Frankreich, Belgien und der Schweiz am Start. Eine verstärkte Pressearbeit in den vergangenen Jahren macht sich bezahlt. Bei dem Bezirksturnier in Mühlenbach waren vor zwei Jahren 18 Teilnehmer. In diesem Jahr sind es 28.

Im Blindenschach gibt es auch Weltmeisterschaften und Olympiaden. Im August waren olympische Wettkämpfe in Indien. Aus dem Südwesten hat der amtierende deutsche Meister Dieter Riegler teilgenommen.

Weitere Informationen:

www.blindenschachbund.de