
Von Lorenz Hertle
Meßstetten-Tieringen. "Tausend Ideen" hat Johann Senner von der Bürgerversammlung in der Schlichemhalle in sein Planungsbüro mitgenommen. Überaus groß war die Beteiligung der Tieringer am Auftakt des Dorfentwicklungsprozesses.Selbst überrascht ob des großen Interesses war Ortsvorsteher Jürgen Löffler: Die Halle war mit mehr als 200 Besuchern komplett besetzt.
In dem Projekt "Dorfentwicklung II", das aus dem EU-Programm "Leader" gefördert wird, sieht Löffler eine Chance für Tieringen. Sein Wunsch, dass die Bürgerversammlung "Früchte tragen" möge, sollte sich zum Ende des Abends erfüllen.
Meßstettens Bürgermeister Lothar Mennig bescheinigte den Tieringern besonderes Engagement und erinnerte an die Sanierungsmaßnahmen des Dorfentwicklungsprogramms von 1987 in Tieringen und Oberdigisheim. Damals seien Straßen, Plätze und Häuser neu gestaltet worden. Heute liege Tieringen mit 32 weiteren Kommunen in der "Leader"-Region Südwestalb. Die Messlatte, so Mennig, sei relativ hoch angesichts der guten Infrastruktur, der großen Zahl der Arbeitsplätze im Ort und der touristischen Angebote, die Tieringen heute schon aufweise.
Eines gab Mennig den Tieringern, die sich an dem Dorfentwicklungsprozess beteiligen wollen, auf den Weg: "Ihre Ideen sollen keiner kurzfristigen Euphorie entspringen, sondern nachhaltig und langfristig gedacht und auch finanzierbar sein."
Nicht "mit der großen Planrolle" wolle er bei den Tieringern auftreten, sagte Johann Senner, Chef des Büros Planstatt, das sich auf Landschaftsarchitektur, Stadt- und Dorfentwicklung spezialisiert hat. Denn das Besondere an "Leader" sei, dass die Bürger eigene Ideen entwickeln, welche die Planer dann in konkrete Form bringen. "Irgendwas ist wohl im Wasser", vermutete er angesichts der großen Zahl der Besucher – so etwas habe er anderswo noch nicht erlebt. Dorfentwicklung dient nach seinen Worten dazu, die Identität eines Ortes herauszuarbeiten und zu stärken.
Senners Mitarbeiterin Tina Hekeler hatte eine Bestandsaufnahme Tieringens gemacht. So gibt es im Ortskern viele gut erhaltene Gebäude, aber auch leerstehende Scheunen, Häuser und Fabriken. Denn Tieringen war früher ein von der Landwirtschaft geprägtes Dorf, wie alte Fotos und Postkarten zeigen. Unübersehbar: "Tieringen ist auch Gewerbestandort" mit rund 1000 Arbeitsplätzen, so Senner. Die Zuhörer, die auch den Darbietungen des Musikvereins und des Sängerbundes lauschten, bekamen nun selbst etwas zu tun: Auf grünen und orange-roten Zetteln notierten sie Ideen, Wünsche und Kritikpunkte in Sachen Ortsmitte, Jung und Alt, Natur, Landschaft und Tourismus sowie demografischer Wandel. Schon bald waren die Pinnwände mit Zetteln gespickt – die Farbe Orange überwog.
Gelobt wurden die Möglichkeiten für Naherholung und Tourismus wie Barfuß- und Nordic-Walking-Pfad, Vereine, Wanderwege und Gastronomie. Mehrfach merkten Tieringer an, dass ihnen ein Dorfplatz fehle und sie ein Dorfgemeinschaftshaus vermissten. Weitere Kritikpunkte waren verdolte Gewässer, das Fehlen eines Jugendraums in der Ortsmitte, Schwerverkehr im Ort und eine zu kleine Festhalle. Als Ideen wurden auch ein Mehrgenerationenhaus, eine Begegnungsstätte für Jung und Alt und eine "Rentner-WG" genannt.
All dies soll bei der Bürgerwerkstatt am 22. März weiter diskutiert und konkretisiert werden.